Wann ist Sadomasochismus für Paare empfehlenswert?

Foto: S. Hofschlaeger, pixelio.de
Foto: S. Hofschlaeger, pixelio.de

 

In unserer Sadomasochismus-Serie möchten wir heute von dem Psychologen und Sexualtherapeuten Robert A. Coordes wissen, wann SM für Paare empfehlenswert ist. Herr Coordes, würden Sie Paaren SM empfehlen? In welchen Fällen? Wann eher nicht?

racRobert Coordes: Manche Paare spielen in ihrem Alltag SM, ohne dass es ihnen bewusst wäre. Sie bewegen sich unbewusst zwischen Macht, Ohnmacht, Bestrafung und Rache und kommen in Paartherapie, um Auswege aus dauerhaften Streitereien oder die Flaute im Bett zu finden.

In diesem Fall kann es sinnvoll sein, bewusst Szenarien zu gestalten, in denen es um Macht oder Hingabe geht. Bewusst initiierte Szenen können sexuelle Handlungen beinhalten oder auch nicht. Manchmal gewinnen Paare bereits tiefgreifende Erkenntnisse, wenn einer der Partner in dominanter Weise seine Bedürfnisse ausdrückt und deren Erfüllung einfordert. Auch wenn ein Partner sich andererseits in der „Alltags-Beziehung“ eher unterwürfig zeigt, so kann eine große Herausforderung darin bestehen, Befehle des anderen ohne Widersprüche auszuführen.


 

Das Spiel um Macht und Ohnmacht

Menschen, die in ihrem Leben Ohnmacht und Demütigung erfahren haben und diese Erfahrungen und Gefühle in ihrem Alltag und in ihrer Beziehung abwehren, werden auch bestimmte partnerschaftlich-sexuelle Bereiche meiden müssen, um diesen Regungen nicht zu begegnen – damit werden sie sich auch schwer tun, SM bewusst zu spielen.

Gerade das Spiel um Macht und Ohnmacht allerdings kann dann die partnerschaftliche und persönliche Entwicklung fördern – wenn dies mit Bewusstheit und Einfühlungsvermögen auf einer soliden Beziehungsbasis geschieht. Gibt es diese Basis nicht, dann besteht die Gefahr realer Demütigung und Verletzung bzw. einer Aktualisierung vergangener Demütigungserfahrungen. Daher sind solche Spiele nur Paaren zu empfehlen, die in keinen akuten Krisen stecken oder über keinerlei emotionale Sicherheit verfügen. Das Risiko, dass bei so einem partnerschaftlichen Spiel beispielsweise reale Racheambitionen ausgelebt werden, sollte vorher genau eingeschätzt werden.

Machtkämpfe im Bett

Wichtig ist zu unterstreichen: Wenn wir als Paar- und Sexualtherapeuten SM-Übungen oder -Szenen empfehlen, dann steht für uns immer die Symbolik im Vordergrund. Wir fördern und empfehlen keine exzessiven Handlungen oder körperlich grenzwertige Rituale. Wenn Paare diesen Bereich betreten wollen, dann sensibilisieren wir für die Symbolik des Rituals. In der Essenz zeigt sich in der Regel das therapeutische Thema und damit die persönlichen Bedürfnisse jedes Partners. Erfahrungsräume für dieses Thema zu kreieren, sehen wir als unsere Aufgabe.

In diesem Sinn arbeiten wir beispielsweise mit den sexuellen Fantasien von Paaren. Auch nutzen wir in einigen Therapien ein bestimmtes sexualtherapeutisches Spiel, das Dominanz und Unterwerfung spielt. Hier geht es jedoch nicht vordergründig um SM-Praktiken, sondern darum, unbewusste Machtkämpfe des Alltags auf bewusster Ebene auszutragen.

 

Über unsere Interviewpartner:

bvu
Bettina Uzler ist Diplom-Sozialpädagogin. Gründerin des Instituts für Beziehungsdynamik, Berlin. Paar- und Sexualtherapeutin, Buch- und Fachbuchautorin.

 

rac
Robert Coordes ist Diplom-Psychologe und seit 2006 Leiter des Instituts für Beziehungsdynamik, Berlin. Seit 2010 verschiedene Lehraufträge an Fachhochschulen und Universitäten.

 

 


Lesen Sie im nächsten Teil:

Ist SM ein Bestandteil der menschlichen Kultur, wenn ja, warum? Gab es Hochkulturen, in denen besonders viel SM praktiziert wurde? Woran lag das?

Ein Gedanke zu „Wann ist Sadomasochismus für Paare empfehlenswert?“

  1. Wer sich ein ein SM-Spiel einlässt, der muss damit rechnen, dass alle Dämme brechen und aus dem anfänglichen Spiel Leidenschaft dafür wird. Leidenschaft aber auch, um sich mit dem Verdrängten auseinanderzusetzen.
    Dann funktioniert es für beide Seiten.

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