Wann fängt Sadomasochismus an, ungesund zu werden?

Foto: Andreas Stix, pixelio.de
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Wann fängt SM an, ungesund für einen Menschen zu werden, selbst wenn beide Partner damit einverstanden sind? Eine Frage an die Sexualtherapeuten Robert Coordes und Bettina Uzler.

racRobert Coordes: SM beginnt dann „ungesund“ zu werden, wenn er exzessiv und ausschließlich praktiziert wird. Mit „exzessiv“ ist hier gemeint, dass nicht mehr das Spiel um sadomasochistische Regungen im Vordergrund steht, sondern die Technik selbst und der zunehmend intensiver ersehnte „Kick“. Dann kann es sein, dass der Kick, also die körperliche und psychische Sensation, bedeutsamer wird, als die Verbindung mit dem Partner selbst. SM wird so zur reinen zielorientierten Technik und so zur Flucht vor den eigenen Gefühlen und vor der Beziehung mit einem anderen Menschen. Ungesund wäre dann, wenn zwei Partner sich in Praktiken und Techniken aneinander abarbeiten ohne sich menschlich-emotional zu begegnen. In vielen exzessiven SM-Beziehungen kann man dann beobachten, dass die Partner emotional „verhärten“ und dann immer mehr Kicks suchen, um sich einigermaßen lebendig zu fühlen.

 

Wie sieht denn „gesund“ praktizierter SM-Sex aus?

bvu
Bettina Uzler: SM sollte ein partnerschaftliches Spiel sein – entwickelt sich ein realer Machtkampf, reale Unterwerfung oder reale Demütigung, getarnt unter dem SM-Label, dann wird eine Beziehung zwischen zwei Menschen destruktiv.

In SM-Spielen werden Szenarien erforscht, in denen es um Macht vs. Ohnmacht, aktive vs. passive Rollenübernahme, Kontrolle vs. Hingabe, Leid ertragen und Leid zufügen geht. Die Spielpartner begeben sich in einen Kontext, indem sie in ihren Rollen gegenseitig voneinander abhängen. Diese von den Beteiligten gewollte und bewusst eingegangene Abhängigkeitsbeziehung ist die psychisch erregende Komponente im Spiel. Diese Motivation wird von SM-Anhängern häufig bewusst geäußert.

Solange diese Spiele einvernehmlich und in einem klar abgesteckten Kontext, bezogen auf Zeit, Szenario und Ort geschehen und solange die jeweiligen Rollen außerhalb dieses Kontextes wieder verlassen werden können, kann das Praktizieren von SM bereichernde Effekte in einer Partnerschaft haben. Der oder die zuvor Passive kann wieder aktiv ihren Alltag gestalten, Verantwortung übernehmen und Entscheidungen alleine fällen. Auch der oder die zuvor Kontrollierende kann seine oder ihre Rolle aufgeben.

Verwischt jedoch die Grenze zwischen Spiel und Realität, ist die Sehn-Sucht nach Abhängigkeit zu groß, dann können durch SM widersprüchliche und zwiespältige Kräfte in den Partnern geweckt werden.

Kann SM denn süchtig machen, so dass man davon abhängig wird?

Robert Coordes: Ja, beide Partner (S&M) können dann gleichermaßen starke Abhängigkeitsmuster entwickeln. Zur Quelle unserer Abhängigkeit stehen wir in der Regel in einem zwiespältigen Verhältnis – zwischen Liebe und Hass, zwischen Nähe und Distanz. Ähnlich einem Drogenabhängigen, der in der Regel seiner Droge zugleich sehnsüchtig und verachtend gegenüber steht. Solche Beziehungen bekommen dann im Laufe der Zeit häufig destruktive Züge. Manche Partner entwickeln dann außerhalb des „Spiel-Kontextes“ Ängste.

Abhängigkeitsbeziehungen können zu einem völligen Verlust des eigenen Selbstgefühls führen. Die Sehnsucht nach willenloser Übernahme und der absoluten Herrschaft und Kontrolle über einen anderen Menschen gipfeln in der SM-Szene in den sogenannten 24/7 Beziehungen. Also 7 Tage die Woche 24h SM im gegenseitigen Einverständnis.

Obwohl es auch in jeder „normalen“ Beziehung zu Abhängigkeit, destruktiven und missbräuchlichen Verhaltensweisen kommen kann, sind diese jedoch in SM-Beziehungen, inklusive der dort erwünschten Gewalt evtl. besonders schwer zu erkennen und können einen hohen Grad an Selbstschädigung erreichen, ohne dass es den beteiligten Personen bewusst wird.

 

Über unsere Interviewpartner:

bvu
Bettina Uzler ist Diplom-Sozialpädagogin. Gründerin des Instituts für Beziehungsdynamik, Berlin. Paar- und Sexualtherapeutin, Buch- und Fachbuchautorin.

 

rac
Robert Coordes ist Diplom-Psychologe und seit 2006 Leiter des Instituts für Beziehungsdynamik, Berlin. Seit 2010 verschiedene Lehraufträge an Fachhochschulen und Universitäten.

 

 


Lesen Sie im nächsten Teil:

SM geht ja für viele noch weiter als nur „Augen verbinden“ und ein wenig Popo-Klapse oder Peitschenhiebe. Wo fängt denn Sex-Sucht an? Wie definiert sich Abhängigkeit beim Sex (Stichwort: ICD)?

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