Wie viele Deutsche leiden an Beziehungsabhängigkeit?

Beziehungsabhängig – wer bezeichnet sich schon gerne als suchtkrank. Was denken Sie, wie viele Menschen darunter leiden, vielleicht ohne es zu wissen?

bild-159.jpgDr. Barbara Kiesling: Besonders in diesem Bereich, der sich einer direkten Beobachtung entzieht, gibt es vermutlich eine hohe Dunkelziffer. Der bekannte Psychoanalytiker Arno Gruen geht davon aus, dass 16 % der Bevölkerung „durch Nicht-Liebe geformt wurden“. Dem gegenüber stehen 16 %, die der Liebe verbunden sind. Das große Mittelfeld bilden all jene, die zwischen diesen beiden Randbereichen liegen.

Neun Millionen Menschen?

Im Internet ist die Bevölkerungszahl der Menschen zwischen dem 14. und 65. Lebensjahr in Deutschland mit weit über 54 Millionen für das Jahr 2008 angegeben. Geht man von den genannten 16 % aus, dann wären fast 9 Millionen Menschen betroffen. Zu diesem Personenkreis gehören nicht nur die Menschen, die „beziehungsabhängig“ sind, sondern auch alle übrigen „Suchtkranken“. Vermutlich gehören hierzu außerdem viele Straftäter, Anstaltsinsassen und nicht zu vergessen die 11 000 Selbstmörder, die es jedes Jahr in der Bundesrepublik gibt. Und das ist ja nur die Spitze des Eisberges. Im hinteren Rand des Mittelfeldes gibt es sicher auch noch viele Menschen, die „durch Nicht-Liebe geformt wurden“ und daher seelisch schwer belastet sind.

Dieses große Heer verzweifelter Menschen müsste in das Bewusstsein der Allgemeinheit eingehen. Dann könnte die Gesellschaft auch die Verantwortung dafür übernehmen. Es müssten Konzepte entwickelt werden, die darauf abzielen, dass sämtlichen notleidenden Kindern beigestanden wird. Durch entsprechende Interventionen ließen sich sicher viele tragische Schicksale noch rechtzeitig abwenden. Ein gezielter Beistand für Kinder, die ansonsten „durch Nicht-Liebe geformt“ werden, würde sich schon in der nächsten Generation auswirken und die Zahl der leidenden Erwachsenen künftig drastisch verringen.

Der Verweis auf die hohen Kosten kann nicht als Argument gelten. Schließlich wäre es eine Investition in die Zukunft: Wir bräuchten dann schon in einigen Jahren weniger Frauenhäuser, weniger Sozialarbeiter, weniger Beratungsstellen, weniger Gefängnisse, weniger Bewährungshelfer, weniger psychiatrische Abteilungen, weniger Polizisten, vermutlich auch weniger Ärzte und weniger von all denjenigen, die heute sonst noch als „Feuerwehr“ dienen. Allein das sollte doch Grund genug sein.



Lesen Sie im nächsten Teil unserer Serie ‚Beziehungssucht‘:

Welche Rolle spielt dabei das eigene Selbstwertgefühl?

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