Beziehungssucht und Sexsucht – Gehört dies zusammen?

Gehört zu einer Beziehungsabhängigkeit nicht auch die Sexsucht? Oder ist guter Sex gleich Liebe? 

bild-159.jpgDr. Barbara Kiesling: Abhängigkeiten jeder Art entstehen – wie bereits mehrfach erwähnt – auf der Basis traumatischer Kindheitserfahrungen. Bei traumatisierten Menschen kann sich eine Vielzahl unterschiedlicher Störungsbilder entwickeln. Welche dies im Einzelnen sind, hängt von verschiedenen, nahezu unüberschaubaren Faktoren ab. Gegenüber den sogenannten substanzgebundenen Süchten, bei denen der Suchtkranke von Substanzen wie Drogen, Alkohol oder Nikotin abhängig ist, und den sogenannten prozessgebundenen Süchten wie Spiel- oder Arbeitssucht, hat die Sexsucht aus meiner Sicht eine ganz besondere Bedeutung. Zeigt sich doch darin sehr anschaulich, woran diese Menschen kranken: nämlich an der Sehn-Sucht nach einem tiefen Austausch mit einem anderen Menschen. Letztlich ist es die Sehn-Sucht nach Liebe. Allerdings wird Liebe mit Sexualität verwechselt.

Die Betroffenen haben wahrhaftige Liebe nie kennengelernt. Sie wissen gar nicht, wie es sich anfühlt, wirklich geliebt zu werden. Sie sind aus diesem Grund auch nicht in der Lage, sich selbst zu lieben. Und deshalb können sie dieses tiefe Gefühl auch keinem anderen Menschen entgegenbringen. Aufgrund ihrer Angst vor Nähe stellt die Sexualität für sie die einzige Möglichkeit dar, überhaupt einem anderen Menschen nahe zu sein. Das zeigte sich auch in meiner eigenen Untersuchung mit Frauen, die ihren Partner getötet haben: die Sexualität hatte einen ganz zentralen Stellenwert in ihrem Denken eingenommen.

Meine Interviewpartnerinnen stellten es dar, als sei ihre Beziehung völlig intakt, solange nur der sexuelle Kontakt zum Partner ungestört verlief. Das heißt, auch diese Frauen verwechselten regelmäßig stattfindende sexuelle Kontakte mit Liebe. Die Qualität einer Beziehung wird von vielen Paaren an der Frequenz ihrer Sexualkontakte gemessen. Wir finden dieses Phänomen also auch in sogenannten „normalen“ Beziehungen. Diesbezüglich muss jedoch differenziert werden: Wenn eine Beziehung harmonisch verläuft, haben die Partner tatsächlich auch gerne und oft Sex miteinander. In einer intakten Beziehung ist nämlich das Begehren nicht beeinträchtigt. Umgekehrt weist jedoch regelmäßiger Geschlechtsverkehr nicht automatisch auf eine intakte Beziehung hin. Eine häufige Frequenz sexueller Kontakte kann auch dem Zweck dienen, über bestehende Konfliktlagen hinwegsehen zu helfen. Menschen, die in Abhängigkeitsbeziehungen leben, brauchen sich aufgrund ihrer regelmäßigen sexuellen Begegnungen beispielsweise nicht mit ihrer Angst vor Nähe zu beschäftigen. Schließlich, so werden sie argumentieren, kommen sie sich doch sehr nahe. In diesen Fällen kann der vermeintlich „gute Sex“ über die jeweils eigene Liebesunfähigkeit hinwegtäuschen.


Lesen Sie im nächsten Teil unserer Serie ‚Beziehungssucht‘:

Warum wird eine – destruktive – Beziehungsabhängigkeit nicht international als Krankheit anerkannt?

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