Beziehungssucht und die Angst vor Nähe

Es klingt widersinnig, dass Beziehungsabhängige ein Näheproblem haben sollen. Wie passt das?

bild-159.jpgDr. Barbara Kiesling: So paradox es auf den ersten Blick erscheinen mag: Diejenigen, die sich mit aller Vehemenz an ihren Partner klammern, haben tatsächlich ein Näheproblem. Die Paradoxie löst sich auf, wenn wir wiederum auf die Ursachen blicken: Die Betroffenen sind von ihren ersten „Liebespartnern“, also von ihren Eltern, oft schwer verletzt worden ohne sich wehren oder fortgehen zu können. Als Kind waren sie ja wirklich abhängig. Nun haben sie Angst vor einer Wiederholung und fürchten sich vor engen Beziehungen. Manche der Betroffenen konnten psychisch nicht reifen und sind in emotionaler Hinsicht Kinder geblieben. Sie sind trotz ihres Erwachsenenalters noch genau so abhängig wie einst.

Ihre Sehnsucht nach Liebe ist unermesslich groß. Nicht nur, weil sich jeder Mensch nach Liebe sehnt. Sondern diese Menschen sehnen sich ja gleichzeitig auch nach Heilung. Ihr Organismus drängt darauf, die versäumten Entwicklungsschritte nachzuholen. So wenig sie auf der bewussten Ebene über ihre inneren Beeinträchtigungen wissen, so deutlich ist ihnen das Ausmaß doch auf einer tieferen Ebene.

Deshalb sehnen sich diese Menschen mehr als gewöhnlich. Gleichzeitig haben sie – oft unbewusst – Angst davor, nochmals so schwer verletzt zu werden. Sie haben aufgrund ihrer schmerzhaften Erfahrungen zum Schutz gewissermaßen „ihr Herz verschlossen“. Das ist ein Reflex wie das Wegziehen der Hand, die zu nahe an die Herdplatte gekommen ist. Und so sehen wir von außen das Bild eines Menschen, der sich nach nichts so sehr sehnt wie nach Liebe, während er gleichzeitig jeder Liebe flieht.


Lesen Sie im nächsten Teil unserer Serie ‚Beziehungssucht‘:

Welche begleitenden Probleme treten bei Beziehungsabhängigkeit auf?

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