Artikel zum Thema:
'Sexsucht'

Mittwoch, 30.November 2011

Warum sind Bindungsängstliche sexsüchtig?

von Jürgen Christ

Stefanie Stahl: Sex ist deshalb in bindungsphobischen Beziehungen oft so ein wichtiges Thema, weil die betroffenen Partner sich nie sicher fühlen. Es ist wie eine ständige Neueroberung: Die Unsicherheit und Angst befeuert die Leidenschaft. Bei den Bindungsängstlichen selbst muss das hingegen nicht unbedingt so sein – sie befinden sich ja häufig auf der Flucht.

Allerdings gibt es bindungsängstlich-gleichgültige Typen, die kaum oder keinen Zugang zu ihren Gefühlen haben, beispielsweise narzisstisch gestörte Menschen, die nur über Sex und ähnliche Situationen Zugang zu ihren Gefühlen bekommen. Stellen Sie sich vor, ein Mensch sagt nach erfülltem Sex, er sei eins gewesen, eins mit sich selbst, statt eins mit Ihnen! Er oder sie habe sich selbst gefühlt. Dieser bindungsängstliche Mensch verwechselt dann Liebe mit Sex, glaubt Sie zu lieben, obwohl er in Wirklichkeit gespürt hat, sich selbst zu lieben. Solche Menschen haben große Angst vor zu viel Nähe, vor allem zu sich selbst und zu anderen Menschen. Und dann werden sie regelrecht süchtig nach dem “Stoff”, in dem Falle Sex. Jede Abspaltung von sich selbst führt in eine Abhängigkeit (volkstümlich auch als “Sucht” bezeichnet) mit stoffgebundenen Süchten wie Alkohol, Drogen oder in eine Co-Abhängigkeit mit nicht stoffgebundenen Süchten wie nach Liebe, Beziehung, Sex, oder Sport, Fernsehen, Arbeit oder vielem anderen.

Lesen Sie dazu auch im Interview mit Dr. Barabara Kiesling:
“Welche Rolle spielt die Sexsucht bei Beziehungsabhängigkeit?”


Lesen Sie im nächsten und letzten Teil des Interviews, der am Freitag erscheint:
Hoffnung für Ex-Partner von bindungsängstlichen Menschen

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von Jürgen Christ

Stefanie Stahl: Sex mit Bindungsphobikern hat etwas Unwiderstehliches, weil der bindungsängstliche Partner einem nie sicher ist. Die Partner von Bindungsängstlichen leben zumeist in chronischer Verlustangst. Dies befeuert die Leidenschaft ungeheuer. Die Beziehung mit Bindungsängstlichen bleibt zumeist in der Anfangsphase stecken, wobei sich diese Anfangsphase auch über viele Jahre hinziehen kann. Dies liegt daran, dass der Bindungsängstliche sich nie wirklich auf die Beziehung einlässt und sich hierdurch beim Partner nie ein Gefühl der Sicherheit einstellt.

Bekanntermaßen sind Sicherheit und Leidenschaft ja Gegenspieler, weswegen viele Paare, die in langjährigen und verbindlichen Beziehungen leben, ja häufig einen Mangel an Leidenschaft beklagen. In bindungsängstlichen Beziehungen werden die Partner ständig angefüttert, aber nie satt. Das ist so, wie wenn im Restaurant immer nur die Vorspeise serviert würde und der Hauptgang ausbleibt. Das löst ein ungeheures Verlangen nach Mehr aus, das geradezu süchtig machen kann.


Lesen Sie im nächsten Teil, der am Freitag erscheint:
Was passiert, wenn beide Partner Bindungsstörungen aufweisen, beispielsweise der eine beziehungsabhängig und der andere bindungsängstlich ist?

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von Jürgen Christ

In Deutschland gibt es etwa 500.000 sexsüchtige Menschen. Was ist überhaupt Sexsucht? Betrifft es nur Männer und Frauen, die “es” zu oft wollen? Weit gefehlt. Einige Deutsche sind sexsüchtig, ohne es zu wissen. Sexsucht ist nicht erst seit dem deutschen Film “Zweiohrküken” (Til Schweiger) – und der damit verbundenen gesellschaftlichen Aufmerksamkeit – eine ernstzunehmende, medizinisch anerkannte Erkrankung.

Als neuen Autor für “Die kleine Liebesfibel” konnten wir Dr. Bernhard Mäulen gewinnen. Er ist Arzt für Psychiatrie und Psychotherapie mit eigener Praxis in Villingen im Schwarzwald – und tätig als Paartherapeut.
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