Sadomasochismus:
Wann ist eher eine Therapie angesagt?

Wann würden Sie in einer „normalen“ Paartherapie das Thema SM zum Thema machen? Und wie würden sie es angehen?

racRobert Coordes: In unserer Praxis arbeiten wir normalerweise mit den Themen, die Paare mitbringen.

Diese können offensichtlich sein, häufiger jedoch sind unterschwellige Machtkämpfe, destruktives Beziehungsverhalten, emotionaler Missbrauch und Gewalttendenzen zu beobachten.

Wenn sich diese Themen im Laufe einer Therapie zeigen, ob nun bei Einzelklienten oder bei Paaren, arbeiten wir daran, diese Themen ans Licht zu holen, damit die Auseinandersetzung auf einer direkten und bewussten Ebene stattfinden kann. Die Schattenseiten, die eine Beziehung meist maßgeblich beeinflussen, sind in der Regel tabuisiert. Dadurch entziehen sich diese Aspekte dem Einfluss der Partner und zeigen sich in der Regel kindlich und archaisch.

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Sadomasochismus: Wann ist eher eine Therapie angesagt?

Wann würden Sie einem praktizierenden SM’ler (Sadomasochisten) empfehlen, eher eine Psychotherapie zu machen? Wann wird SM wirklich pervers?

bvuBettina Uzler:Die Beschäftigung mit persönlichen Entwicklungsthemen auf einer psychotherapeutischen Ebene ist in unseren Augen nicht nur bei den sogenannten „sexuellen Störungen“ oder anderweitigen psychischen Problemen zu empfehlen.

In unsere Praxis kommen viele Paare, die seit Jahren keine gemeinsame Sexualität mehr leben, dafür aber von einer relativ friedlichen Alltagsbeziehung berichten. Es kann dann sein, dass durch Vermeidung sexueller Begegnungen die Beziehung einigermaßen von Spannungen frei gehalten wird. In der Sexualität würden diesen Paaren Gefühle begegnen, die nicht in deren Beziehungsmodell passen.

Den Fokus nach innen zu lenken, die eigenen unbewussten Motive zu integrieren und sich mit dem, was uns in Beziehungen und Sexualität bewegt, auseinander zu setzen, kann wie ein Aphrodisiakum wirken.

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Psychische Probleme wegen Polyamorie?

Haben Sie in Ihrer Praxis bereits psychische Probleme wegen Polyamorie erlebt?

Weinreich 2009 originalWulf Mirko Weinreich: Aus meiner Sicht gibt es keine spezifischen Folgen von Polyamorie, sondern nur Beziehungskonflikte – und die gibt es auch bei monoamoren Paaren.

Polyamore Beziehungen sind einfach noch etwas komplexer als die üblichen Zweierbeziehungen. Und da sie in unserer Gesellschaft keine Tradition haben, haben wir noch keine Muster entwickelt, wie wir damit umgehen können. Außerdem gibt es natürlich auch in polyamoren Beziehungen Krisenzeiten, Trennungen, usw. – also alles das, womit auch normale Paare zum Therapeuten gehen würden.

Die Transzendenz von Eifersucht ist natürlich das Hauptthema für Polyamore: Liebe ich meinen Partner so sehr, dass ich mich freuen kann, wenn es ihm mit einem anderen Menschen gut geht? Außerdem gibt es logistische Probleme: wie teile ich mir die 24 Stunden des Tages ein, dass für jeden genügend Zeit da ist?

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Sadomasochismus: Wo liegen die Grenzen?

Außerdem wäre es in diesem Zusammenhang auch interessant zu untersuchen, wie viele Menschen bisher umgekommen sind, weil sie in romantischer Weise ihrem Partner folgten. Sicherlich würden wir dann zum Schluss kommen, dass nicht SM, sondern Sex im Allgemeinen zu den größten Gefahrenquellen des menschlichen Daseins zählt.

 

Foto: Etienne Rheindahlen, pixelio.de
Foto: Etienne Rheindahlen, pixelio.de

Sind Brandings (Brandzeichen), Rasierklingen, um die Haut aufzuschlitzen, Nägel in die Haut zu schlagen, Kerzenwachs, der bleibende Brandwunden verursacht, Atemspiele mit Würgetechniken oder stundenlänge Schläge auf Rücken, Hintern und Geschlechtsteile mit einem Rohrstock noch „normal“ beim Sadomasochismus?

Im Jahr 2009 verstarb eine junge Frau an Atemspielen. Der Mann beteuerte seine Unschuld, da sie ihr Einverständnis gab. Er spricht von einem Unfall. Wo liegen die Grenzen bei SM? Fragen an den Psychologen Robert Coordes und die Sexualtherapeutin Bettina Uzler.

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Partnerwahl: Der Unterschied zwischen einer markanten und einer gestörten Persönlichkeit

Der neue Dating-Partner:
Normal, markant oder gestört?
Foto: Jürgen Christ

Wie grenzt sich eine markante Persönlichkeit von einer Persönlichkeitsstörung ab?

Volker Drewes: Dies ist eine sehr interessante Frage, wie ich finde. Denn sie berührt einen etwas wunden Punkt in der psychologischen (Psychotherapie-)Forschung. Diese beschäftigt sich nämlich in erster Linie mit den Abweichungen vom „Normalverhalten“, mit den psychischen Störungen. Diese sind natürlich definiert, kategorisiert und damit Grundlage für eine Behandlung, die dann auch von den Krankenversicherungen übernommen werden. Deutlich wird hier der Zusammenhang mit dem gesellschaftlichen Kontext. Was ist normal, was ist abweichend, was ist krank.

Das Wort „markant“ in der obigen Frage geht ja sogar noch einen Schritt weiter. Es suggeriert etwas Positives, ja geradezu etwas Erstrebenswertes. Wir können uns hier also ein Kontinuum vorstellen, das von den beiden Extremen „wünschenswertes, erstrebenswertes“ und „abweichendes, krankhaftes“ Verhalten gekennzeichnet ist.

„Auch als graue Maus kann man leben“

Dazu will ich gleich etwas Desillusionierendes vorweg sagen: die meisten Menschen bewegen sich in der Mitte, und das ist auch gut so. Freud sagte einmal, Ziel der Psychotherapie sei geradezu die Desillusionierung. Wir müssen lernen, uns mit unserer Mittelmäßigkeit zu versöhnen. Oder, wie ein ehemaliger Ausbilder von mir zu sagen pflegte: „Auch als graue Maus kann man leben.“

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Bindungsangst: Ist sie heilbar?

Ist Bindungsangst heilbar? Besteht Hoffnung? Oder ist Bindungsangst – ähnlich wie Abhängigkeit – unheilbar und kann nur zum Stillstand gebracht werden? Kontrolliertes Trinken ist für einen alkoholkranken Menschen ja auch unmöglich, verhält es sich mit der Bindungsangst ähnlich? Kann ein bindungsängstlicher Mensch sich überhaupt jemals binden – oder gibt es auch Bindungsängstliche mit unheilbarem Hirnschaden?

Stefanie StahlStefanie Stahl: Wenn der Bindungsängstliche motiviert ist, an seinem Problem zu arbeiten, kann man schon eine Menge bewirken. Allerdings haben die größeren Erfolgschancen jene, die auch einen persönlichen Leidensdruck verspüren. Das sind zumeist jene, die auch tatsächlich ihre Ängste als solche fühlen. Diejenigen hingegen, die eher Gleichgültigkeit in Bezug auf ihren Partner und Liebesbeziehungen im Allgemeinen empfinden, weisen weniger Leidensdruck auf und sind auch therapeutisch schwerer zu erreichen. Die Bindungsängstlichen vom gleichgültigen Typus haben allgemein wenig Zugang zu ihren Gefühlen. Ihre emotionale Amplitude ist flach. Dies erschwert die therapeutische Veränderung. Allerdings kann man auch bei ihnen noch einiges bewirken.


Lesen Sie im nächsten Teil, der am Montag erscheint:
Kann das Hormon Oxytocin gegen Bindungsangst helfen?

Können Bindungsängstliche wieder eine Beziehung eingehen?

Wenn ein bindungsängstlicher Mensch seine Bindungsangst erkannt und auch akzeptiert hat: Darf er oder sie nie wieder eine Beziehung eingehen?

Stefanie StahlStefanie Stahl: Das wäre ja eine unsinnige Forderung. Wichtig ist, sein Problem zu reflektieren. Wenn ich schon erkannt habe, dass ich unter Bindungsangst leide und verstehe, wie sich dies auf mein Verhalten auswirkt, dann bin ich ja schon einen großen Schritt weiter. Viele Betroffene gehen dann zum Beispiel die nächste Beziehung sehr viel offener an, indem sie die Karten von Anfang an auf den Tisch legen und ihrem – zukünftigen – Partner ihr Problem mitteilen. Hierdurch entsteht Transparenz und der Partner weiß schon mal, worauf er sich einlässt. Gleichwohl ist die Erkenntnis des Problems noch nicht dessen ganze Heilung. Folglich bemühen sich viele Bindungsängstliche, wenn sie ihrem Problem auf die Schliche gekommen sind, um Veränderung. Ich bekomme ständig Anfragen für Psychotherapie beziehungsweise Anfragen, ob ich Psychotherapeuten in der Nähe des Wohnortes empfehlen kann. Allerdings kann es auch, zumindest vorübergehend, eine vernünftige Lösung sein, sich von Liebesbeziehungen fernzuhalten, wenn man genau weiß, dass man ohnehin wieder davonlaufen beziehungsweise den Partner verletzen wird.


Lesen Sie im nächsten Teil, der am Montag erscheint:
Warum sind Bindungsängstliche in ihrem Leben erfolglos und lieblos?