Artikel zum Thema:
'Co-Abhängigkeit'

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Es klingt widersinnig, dass Beziehungsabhängige ein Näheproblem haben sollen. Wie passt das?

So paradox es auf den ersten Blick erscheinen mag: Diejenigen, die sich mit aller Vehemenz an ihren Partner klammern, haben tatsächlich ein Näheproblem. Die Paradoxie löst sich auf, wenn wir wiederum auf die Ursachen blicken: Die Betroffenen sind von ihren ersten „Liebespartnern“, also von ihren Eltern, oft schwer verletzt worden ohne sich wehren oder fortgehen zu können. Als Kind waren sie ja wirklich abhängig. Nun haben sie Angst vor einer Wiederholung und fürchten sich vor engen Beziehungen. Manche der Betroffenen konnten psychisch nicht reifen und sind in emotionaler Hinsicht Kinder geblieben. Sie sind trotz ihres Erwachsenenalters noch genau so abhängig wie einst.

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Haben Menschen, die beziehungsabhängig sind, auch sonstige psychische Probleme?

Grundsätzlich ja. Ich begreife „Beziehungsabhängigkeit“ ohnehin nicht als ein fest umrissenes Krankheitsbild. Wie ich in den vorangegangenen Antworten bereits betont habe, lassen sich Abhängigkeiten und sämtliche sonstigen psychischen Störungen auf abträgliche Erfahrungen im Kindesalter zurückführen.
Das ist erst einmal sehr pauschal gesagt. Es gibt im Leben eines Kindes aber viele Möglichkeiten, die ein späteres psychisches Leiden abwenden können. Jedes Kind wächst unter anderen Umständen und in anderen Konstellationen auf und macht dementsprechend auch eine andere Entwicklung durch. Da gibt es vielleicht im Leben mancher Kinder liebevolle Tanten oder Onkels, fürsorgliche Nachbarn, engagierte Erzieherinnen und Lehrer. Solche Menschen im Umfeld eines kleinen Kindes können sehr viel abfangen. Deshalb stellen sie gewissermaßen einen „Schutzfaktor“ dar.

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Abhängigkeiten jeder Art entstehen – wie bereits mehrfach erwähnt – auf der Basis traumatischer Kindheitserfahrungen. Bei traumatisierten Menschen kann sich eine Vielzahl unterschiedlicher Störungsbilder entwickeln. Welche dies im Einzelnen sind, hängt von verschiedenen, nahezu unüberschaubaren Faktoren ab. Gegenüber den sogenannten substanzgebundenen Süchten, bei denen der Suchtkranke von Substanzen wie Drogen, Alkohol oder Nikotin abhängig ist, und den sogenannten prozessgebundenen Süchten wie Spiel- oder Arbeitssucht, hat die Sexsucht aus meiner Sicht eine ganz besondere Bedeutung. Zeigt sich doch darin sehr anschaulich, woran diese Menschen kranken: nämlich an der Sehn-Sucht nach einem tiefen Austausch mit einem anderen Menschen. Letztlich ist es die Sehn-Sucht nach Liebe. Allerdings wird Liebe mit Sexualität verwechselt.

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Warum wird eine – destruktive – Beziehungsabhängigkeit nicht international als Krankheit anerkannt?

Ich kenne die offizielle Debatte leider nicht. Ich kann mir lediglich im Einzelfall vorstellen, dass es schwierig für einen Betroffenen sein wird, seine Beziehungsabhängigkeit als Krankheit anerkennen zu lassen. Eine Beziehungsabhängigkeit verläuft anders als andere Suchterkrankungen. Jeder andere Suchtkranke ist in der Regel permanent von seinem Suchtstoff abhängig. Beziehungsabhängige können aber – beispielsweise wenn sie doch einmal die Trennung von ihrem Partner geschafft haben – völlig unauffällig und „normal“ leben. Die Beziehungssucht ist an eine Voraussetzung gebunden: Es muss ein Partner existieren, von dem die Betroffenen abhängig sind. Fehlt ein Partner, würde niemand vermuten, dass sie unter einer Abhängigkeit leiden. Ihnen ist das nicht anzumerken. Die zuweilen erkennbaren Symptome wie zum Beispiel Depressionen lassen sich schließlich auch bei einem Großteil der Bevölkerung diagnostizieren.

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Was kann man tun, um seine seelischen Strukturen zu verändern, damit man zu einer glücklichen Beziehung fähig ist?

Foto: Photocase.com

Foto: Stefan Willuda (Photocase.com)

Der Erwachsene hat kaum Möglichkeiten, seine seelischen Strukturen ohne Fremdhilfe zu beeinflussen. Sie sind weitgehend durch unsere Kindheitserlebnisse festgelegt. Der bekannte Neurobiologe Joachim Bauer erklärt, dass sämtliche Erfahrungen, die der Säugling durch seine Mutterfigur macht, vom Gehirn in bioelektrische Impulse umgewandelt und eingespeichert werden. Dies führt zur Entstehung von Nervenzell-Verknüpfungen, sogenannten Synapsen. Die „Konstruktion“ der Nervenzell-Netzwerke hängt also von den Erfahrungen, insbesondere von den Beziehungserfahrungen ab. Durch diese Vorgaben wird im Verlaufe der Kindheit im Gehirn ein Programm aufgebaut, nach dem der Mensch später seine eigenen zwischenmenschlichen Beziehungen gestaltet. Das Erleben und Verhalten in seinen Beziehungen folgt also überwiegend einem früh angelegten, automatisch angewandten Programm.

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Können sich Betroffene selber helfen, zum Beispiel durch Information oder durch das Lesen von Büchern? Oder ist immer eine Therapie notwendig?

Das Informieren über die Zusammenhänge, die das partnerschaftliche Leben bestimmen, scheint mir von großer Bedeutung. Anderenfalls würden wir Menschen blind durch die Welt gehen. Das Wissen um die theoretischen Hintergründe ist besonders für diejenigen, die in Abhängigkeitsbeziehungen leben, wichtig, damit sie sich in ihren zeitweilig unverständlichen Reaktionen besser verstehen können. Oft lehnen sich diese Menschen ohnehin schon ab. Wenn sie sich nun auch noch Vorwürfe wegen ihres Verhaltens machen müssten, besteht die Gefahr, dass sie sich selbst immer mehr ablehnen. Das kann zu regelrechtem Selbsthass führen.

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Die Artikelserie zum Thema ‘Beziehungssucht, Beziehungsabhängigkeit’ ist nun auch als Dossier im Format PDF erschienen.

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  Beziehungssucht / Beziehungsabhängigkeit
'Gesunde und ungesunde Liebe - Schmerzvolle Beziehungen': Ein Dossier aus einer Artikelserie zum Thema 'Beziehungssucht / Beziehungsabhängigkeit', in der Herausgeber Jürgen Christ 12 Fragen an die Paarberaterin Dr. Barbara Kiesling stellte. Format: PDF, 21 Seiten. PS: Das Dossier ist in der Liebesfibel ab Version 2.9 bereits enthalten!
» Größe:  127,4 KiB
» Datum: 18. April 2009 (letzte Aktualisierung)
» Abrufe: 81.349



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