Selbstwertgefühl und Beziehungssucht

Welche Rolle spielt das Selbstwertgefühl bei der Sucht, Frau Dr. Kiesling?

bild-159.jpgDr. Barbara Kiesling: Das Selbstwertgefühl entscheidet weitgehend über das Schicksal eines Menschen. Derjenige, der sich als wertvoll einschätzt, wird ganz anders auftreten und von vornherein viel Gutes von seiner Umwelt erwarten. Ein Mensch, der sich als Kind nicht wirklich geliebt fühlte, konnte kein ausreichendes Selbstwertgefühl entwickeln. Die damit einhergehende ausgeprägte Selbstwertproblematik bildet die Basis, auf der Suchtkrankheiten entstehen können. Aus psychoanalytischer Sicht stellt die Entwicklung einer Alkoholabhängigkeit einen Selbstheilungsversuch dar. Das lässt sich auch auf alle anderen Formen von Abhängigkeiten übertragen.

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Wie viele Deutsche leiden an Beziehungsabhängigkeit?

Beziehungsabhängig – wer bezeichnet sich schon gerne als suchtkrank. Was denken Sie, wie viele Menschen darunter leiden, vielleicht ohne es zu wissen?

bild-159.jpgDr. Barbara Kiesling: Besonders in diesem Bereich, der sich einer direkten Beobachtung entzieht, gibt es vermutlich eine hohe Dunkelziffer. Der bekannte Psychoanalytiker Arno Gruen geht davon aus, dass 16 % der Bevölkerung „durch Nicht-Liebe geformt wurden“. Dem gegenüber stehen 16 %, die der Liebe verbunden sind. Das große Mittelfeld bilden all jene, die zwischen diesen beiden Randbereichen liegen.

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Wie entsteht Beziehungsabhängigkeit?

Beziehungssucht, Liebessucht, Sexsucht, Beziehungsabhängigkeit oder Hörigkeit – wie entsteht so etwas?

bild-159.jpgDr. Barbara Kiesling:  Die Grundlagen für alle Abhängigkeiten bilden sich während der frühkindlichen Entwicklung. Besonders Traumatisierungen führen zu Beeinträchtigungen, die spätere Abhängigkeiten begünstigen. Meist fehlen den Betroffenen innige symbiotische Erfahrungen mit einer Bezugsperson. Wer den Zustand liebender und schützender Nähe in seiner Kindheit nie erfahren hat, dem fehlt gewissermaßen der Boden, von dem aus alle weiteren Entwicklungsschritte gegangen werden können. Eine Abhängigkeit entsteht, wenn ein Mensch in psychischer Hinsicht hungrig geblieben ist. Da er nie das bekommen hat, was er dringend benötigt hätte, konnte er keine innere Versorgungsquelle errichten. Aus diesem Grund kann er sich später nicht selbst von innen her sättigen. Dadurch bleibt er auf die Außenwelt angewiesen und ist gezwungen, das Vermisste später vergeblich anderswo zu suchen.

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Beziehungssucht: Warum erst als Erwachsener erkannt?

Viele Betroffene erkennen erst im relativ hohen Erwachsenenalter, dass etwas in ihren Beziehungen nicht stimmt. Wie kommt das?

bild-159.jpgDr. Barbara Kiesling: Hier spielt sicher zunächst die Hoffnung eine große Rolle. Ein zwanzigjähriger Mensch, der mehrfach „Unglück in der Liebe“ hatte, schaut sich um und erkennt, dass er nicht der Einzige ist, der noch nicht den richtigen Partner gefunden hat. Auch ein dreißigjähriger Mensch kann noch immer „auf den Richtigen“ hoffen. Im Laufe der Jahre verändert sich das. Wenn dieser Mensch dann sein 40. Lebensjahr vollendet hat und immer noch nicht das ersehnte „Glück in der Liebe“ gefunden hat, regen sich schon ernstere Zweifel. Viele Betroffene fühlen sich durch die erlebten Beziehungserfahrungen inzwischen so verletzt, dass sie sich nicht mehr so leicht auf jemanden einlassen können. Die Phasen des Single-Daseins verlängern sich.

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Beziehungssucht: Bin ich schuld?

Die oft gestellte Frage in Beziehungen, die Schuldfrage: Bin ich es, der an einer unglücklichen, süchtigen Beziehungen schuld ist?

bild-159.jpgDr. Barbara Kiesling: Das ist eine sehr bedeutsame Frage. Die meisten Menschen in unglücklichen Beziehungen fragen sofort: Wer ist schuld? Schließlich möchte niemand selbst schuld sein. Wer sich selbst die Schuld gibt, muss quälende Schuldgefühle aushalten. Um das zu vermeiden wird versucht, die alleinige Schuld auf den anderen zu schieben. Das schafft Entlastung.

Doch wenn wir uns mit dem Wesen der Schuld beschäftigen, werden wir zu völlig anderen Erkenntnissen kommen.Nehmen wir das Beispiel des „Alkoholiker-Paares“: Ist er schuld daran, ein Alkoholiker zu sein? Und ist sie schuld daran, dass sie eine Co-Alkoholikerin ist?

Wie ich bereits betonte, sind es die psychischen Strukturen, die diese Menschen zu ihrem Handeln prädestinieren: Ihr mangelndes Selbstwertgefühl, ihre eingeschränkte Liebesfähigkeit und die damit einhergehenden ausgeprägten Konflikte. Die psychische Belastung ist in diesen Fällen oft so groß, dass die Betroffenen unbedingt Entlastung brauchen. Manche suchen diese Entlastung in Suchtmitteln; andere suchen diese Entlastung bei einem Partner.Sie haben sich nicht freiwillig für die Beeinträchtigungen und der daraus hervorgehenden Qual entschieden, das heißt, zunächst einmal können sie nichts dafür, dass sie so geworden sind, wie sie sind.

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Beziehungssucht: Ungesunde Liebe?

Ist das überhaupt noch Liebe? Kann Liebe krank machen?

bild-159.jpgDr. Barbara Kiesling: Nein! Liebe kann nicht krank machen! Liebe ist die größte und schönste Kraft, die uns Menschen gegeben ist. Wie könnte sie krank machen? Im Gegenteil: Liebe heilt.  Liebe, so wie ich sie verstehe, ist nicht nur ein Gefühl. Es ist vielmehr ein Seinszustand. Im Englischen wird es deutlicher: „To be in Love“, also „in Liebe sein“.

Wer meint, durch einen Liebespartner krank geworden zu sein, befindet sich im Irrtum. Es gibt tatsächlich viele Liebesbeziehungen, die als „krank“ bezeichnet werden können. In diesen Fällen waren die Beteiligten jedoch schon vor dieser Beziehung „krank“. Mit „krank“ meine ich das Vorliegen einer Beeinträchtigung oder Einschränkung der normalen seelischen Funktionen. Das Wort „krank“ möchte ich allerdings vermeiden. Wer möchte schon gerne als seelisch krank bezeichnet werden? Und dennoch trifft dies zumindest für diejenigen zu, die in einer sogenannten Abhängigkeits- oder Misshandlungsbeziehung leben. In solchen Beziehungen kann es zu körperlichen Übergriffen kommen oder auch nicht. Kennzeichnend ist, dass sich die Partner gegenseitig verletzen und dennoch so aneinander hängen, dass sie sich nicht aus dieser Beziehung befreien können.

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Neue Serie: ‚Süchtig nach Liebe?‘

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In einer neuen Artikelserie, mit der wir am Mittwoch in diesem Blog starten,  beschäftigt sich Eheberaterin und Buchautorin Dr. Barbara Kiesling mit dem Thema:

Kann Liebe süchtig und krank machen?

In der Serie geht es um Beziehungssucht und um die Dynamik in Abhängigkeitsbeziehungen, in denen die darin verstrickten Menschen oft sehr schmerzvolle Erfahrungen machen.

Aufgrund von immer detaillierteren Fragen von Liebesfibel-Herausgeber und Autor Jürgen Christ nähert sie sich dem sensiblen Thema einfühlsam und nachvollziehbar an, beantwortet Fragen, die sich viele Betroffene nicht mal wagen, zu stellen. In mehrere Blogbeiträgen aufgeteilt, hinterfragt sie zudem alte Legenden, vorherrschende Denkmuster was Beziehungsmuster betrifft, und wagt neue Ansätze.

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