Beziehungssucht: Als Krankheit anerkannt?

Warum wird eine – destruktive – Beziehungsabhängigkeit nicht international als Krankheit anerkannt?

bild-159.jpgDr. Barbara Kiesling: Ich kenne die offizielle Debatte leider nicht. Ich kann mir lediglich im Einzelfall vorstellen, dass es schwierig für einen Betroffenen sein wird, seine Beziehungsabhängigkeit als Krankheit anerkennen zu lassen. Eine Beziehungsabhängigkeit verläuft anders als andere Suchterkrankungen. Jeder andere Suchtkranke ist in der Regel permanent von seinem Suchtstoff abhängig. Beziehungsabhängige können aber – beispielsweise wenn sie doch einmal die Trennung von ihrem Partner geschafft haben – völlig unauffällig und „normal“ leben. Die Beziehungssucht ist an eine Voraussetzung gebunden: Es muss ein Partner existieren, von dem die Betroffenen abhängig sind. Fehlt ein Partner, würde niemand vermuten, dass sie unter einer Abhängigkeit leiden. Ihnen ist das nicht anzumerken. Die zuweilen erkennbaren Symptome wie zum Beispiel Depressionen lassen sich schließlich auch bei einem Großteil der Bevölkerung diagnostizieren.

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Beziehungssucht und Sexsucht – Gehört dies zusammen?

Gehört zu einer Beziehungsabhängigkeit nicht auch die Sexsucht? Oder ist guter Sex gleich Liebe? 

bild-159.jpgDr. Barbara Kiesling: Abhängigkeiten jeder Art entstehen – wie bereits mehrfach erwähnt – auf der Basis traumatischer Kindheitserfahrungen. Bei traumatisierten Menschen kann sich eine Vielzahl unterschiedlicher Störungsbilder entwickeln. Welche dies im Einzelnen sind, hängt von verschiedenen, nahezu unüberschaubaren Faktoren ab. Gegenüber den sogenannten substanzgebundenen Süchten, bei denen der Suchtkranke von Substanzen wie Drogen, Alkohol oder Nikotin abhängig ist, und den sogenannten prozessgebundenen Süchten wie Spiel- oder Arbeitssucht, hat die Sexsucht aus meiner Sicht eine ganz besondere Bedeutung. Zeigt sich doch darin sehr anschaulich, woran diese Menschen kranken: nämlich an der Sehn-Sucht nach einem tiefen Austausch mit einem anderen Menschen. Letztlich ist es die Sehn-Sucht nach Liebe. Allerdings wird Liebe mit Sexualität verwechselt.

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Begleitende Probleme von Beziehungssucht

Haben Menschen, die beziehungsabhängig sind, auch sonstige psychische Probleme?

bild-159.jpgDr. Barbara Kiesling: Grundsätzlich ja. Ich begreife „Beziehungsabhängigkeit“ ohnehin nicht als ein fest umrissenes Krankheitsbild. Wie ich in den vorangegangenen Antworten bereits betont habe, lassen sich Abhängigkeiten und sämtliche sonstigen psychischen Störungen auf abträgliche Erfahrungen im Kindesalter zurückführen.
Das ist erst einmal sehr pauschal gesagt. Es gibt im Leben eines Kindes aber viele Möglichkeiten, die ein späteres psychisches Leiden abwenden können. Jedes Kind wächst unter anderen Umständen und in anderen Konstellationen auf und macht dementsprechend auch eine andere Entwicklung durch. Da gibt es vielleicht im Leben mancher Kinder liebevolle Tanten oder Onkels, fürsorgliche Nachbarn, engagierte Erzieherinnen und Lehrer. Solche Menschen im Umfeld eines kleinen Kindes können sehr viel abfangen. Deshalb stellen sie gewissermaßen einen „Schutzfaktor“ dar.

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Beziehungssucht und die Angst vor Nähe

Es klingt widersinnig, dass Beziehungsabhängige ein Näheproblem haben sollen. Wie passt das?

bild-159.jpgDr. Barbara Kiesling: So paradox es auf den ersten Blick erscheinen mag: Diejenigen, die sich mit aller Vehemenz an ihren Partner klammern, haben tatsächlich ein Näheproblem. Die Paradoxie löst sich auf, wenn wir wiederum auf die Ursachen blicken: Die Betroffenen sind von ihren ersten „Liebespartnern“, also von ihren Eltern, oft schwer verletzt worden ohne sich wehren oder fortgehen zu können. Als Kind waren sie ja wirklich abhängig. Nun haben sie Angst vor einer Wiederholung und fürchten sich vor engen Beziehungen. Manche der Betroffenen konnten psychisch nicht reifen und sind in emotionaler Hinsicht Kinder geblieben. Sie sind trotz ihres Erwachsenenalters noch genau so abhängig wie einst.

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Selbstwertgefühl und Beziehungssucht

Welche Rolle spielt das Selbstwertgefühl bei der Sucht, Frau Dr. Kiesling?

bild-159.jpgDr. Barbara Kiesling: Das Selbstwertgefühl entscheidet weitgehend über das Schicksal eines Menschen. Derjenige, der sich als wertvoll einschätzt, wird ganz anders auftreten und von vornherein viel Gutes von seiner Umwelt erwarten. Ein Mensch, der sich als Kind nicht wirklich geliebt fühlte, konnte kein ausreichendes Selbstwertgefühl entwickeln. Die damit einhergehende ausgeprägte Selbstwertproblematik bildet die Basis, auf der Suchtkrankheiten entstehen können. Aus psychoanalytischer Sicht stellt die Entwicklung einer Alkoholabhängigkeit einen Selbstheilungsversuch dar. Das lässt sich auch auf alle anderen Formen von Abhängigkeiten übertragen.

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Wie viele Deutsche leiden an Beziehungsabhängigkeit?

Beziehungsabhängig – wer bezeichnet sich schon gerne als suchtkrank. Was denken Sie, wie viele Menschen darunter leiden, vielleicht ohne es zu wissen?

bild-159.jpgDr. Barbara Kiesling: Besonders in diesem Bereich, der sich einer direkten Beobachtung entzieht, gibt es vermutlich eine hohe Dunkelziffer. Der bekannte Psychoanalytiker Arno Gruen geht davon aus, dass 16 % der Bevölkerung „durch Nicht-Liebe geformt wurden“. Dem gegenüber stehen 16 %, die der Liebe verbunden sind. Das große Mittelfeld bilden all jene, die zwischen diesen beiden Randbereichen liegen.

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Wie entsteht Beziehungsabhängigkeit?

Beziehungssucht, Liebessucht, Sexsucht, Beziehungsabhängigkeit oder Hörigkeit – wie entsteht so etwas?

bild-159.jpgDr. Barbara Kiesling:  Die Grundlagen für alle Abhängigkeiten bilden sich während der frühkindlichen Entwicklung. Besonders Traumatisierungen führen zu Beeinträchtigungen, die spätere Abhängigkeiten begünstigen. Meist fehlen den Betroffenen innige symbiotische Erfahrungen mit einer Bezugsperson. Wer den Zustand liebender und schützender Nähe in seiner Kindheit nie erfahren hat, dem fehlt gewissermaßen der Boden, von dem aus alle weiteren Entwicklungsschritte gegangen werden können. Eine Abhängigkeit entsteht, wenn ein Mensch in psychischer Hinsicht hungrig geblieben ist. Da er nie das bekommen hat, was er dringend benötigt hätte, konnte er keine innere Versorgungsquelle errichten. Aus diesem Grund kann er sich später nicht selbst von innen her sättigen. Dadurch bleibt er auf die Außenwelt angewiesen und ist gezwungen, das Vermisste später vergeblich anderswo zu suchen.

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