Sind Sadomasochisten gestörte Persönlichkeiten?

Sind Sadisten oder Masochisten durch besondere psychologische Merkmale gekennzeichnet, beispielsweise durch Persönlichkeitsstörungen wie krankhaften Narzissmus?

racRobert Coordes: Auf der Internetseite datenschlag.org, einer Informationsplattform für SM-Interessierte, findet man unter der Rubrik „Die Psychologie des Sadomasochismus“ folgende Anmerkung: „…es keinerlei Anzeichen dafür gibt, dass SM-Anhänger irgendeine gemeinsame Psychopathologie oder gemeinsame Symptome haben.“

Aus der klinischen Literatur ist kein konsistentes Bild von SM-Anhängern hervorgegangen. Es hat einige begrenzte Versuche gegeben, psychologische Tests zur Unterscheidung einer SM-Stichprobe und einer Kontrollgruppe anzuwenden, doch wurden keine nennenswerten Unterschiede festgestellt (Gosselin & Wilson 1980; Miale 1986; Moser 1979).

In der psychologischen Typisierung nach A. Lowen findet sich ein masochistischer Charakter – dieser ist allerdings nicht einer sexuellen Präferenz gleichzusetzen. Sadomasochismus selbst ist als Teil des Formenkreises der Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen als Störung der Sexualpräferenz im ICD 10 unter der Schlüsselnummer F65.5 gelistet – d.h. Sadomasochismus selbst gilt unter gewissen Umständen als psychopathologisch relevantes Störungsmuster.

 

bvuBettina Uzler: Klar zu sein scheint, dass Personen, die ausschließlich sexuelle Befriedigung in sadomasochistischen Ritualen finden können, entsprechende traumatische Erfahrungen in ihrer Kindheit gemacht haben. Die ritualisierte Form mit dem Umgang von Schmerz und Demütigung dient dann häufig dazu, diese Erlebnisse in einen Kontext zu setzen der unter der Kontrolle der sich betätigenden Personen steht und somit als erfolgreiche Strategie gesehen werden kann, mit diesen Erlebnissen umzugehen.

Doch noch häufiger, als dass Paare SM bewusst praktizieren, lässt sich ein alltäglicher, unbewusster Sadomasochismus in Beziehungen beobachten. Partner führen sich gegenseitig vor, demütigen sich, enthalten sich gegenseitig Bedürfnisse vor oder verweigern sich den Bedürfnissen des Partners wohl wissend, dass er sich deren Erfüllung herbeisehnt. Hier zeigen sich pathologische Tendenzen. Je nach Grad der Ausprägung lassen sich Beziehungsstörungen diagnostizieren – auch unabhängig davon, ob SM bewusst ausgelebt wird oder aber unbewusste Grundlage der partnerschaftlichen Kommunikation ist.

 

Über unsere Interviewpartner:

bvu
Bettina Uzler ist Diplom-Sozialpädagogin. Gründerin des Instituts für Beziehungsdynamik, Berlin. Paar- und Sexualtherapeutin, Buch- und Fachbuchautorin.

 

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Robert Coordes ist Diplom-Psychologe und seit 2006 Leiter des Instituts für Beziehungsdynamik, Berlin. Seit 2010 verschiedene Lehraufträge an Fachhochschulen und Universitäten.

 

 


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