Partnerwahl: Der Unterschied zwischen einer markanten und einer gestörten Persönlichkeit

Der neue Dating-Partner:
Normal, markant oder gestört?
Foto: Jürgen Christ

Wie grenzt sich eine markante Persönlichkeit von einer Persönlichkeitsstörung ab?

Volker Drewes: Dies ist eine sehr interessante Frage, wie ich finde. Denn sie berührt einen etwas wunden Punkt in der psychologischen (Psychotherapie-)Forschung. Diese beschäftigt sich nämlich in erster Linie mit den Abweichungen vom „Normalverhalten“, mit den psychischen Störungen. Diese sind natürlich definiert, kategorisiert und damit Grundlage für eine Behandlung, die dann auch von den Krankenversicherungen übernommen werden. Deutlich wird hier der Zusammenhang mit dem gesellschaftlichen Kontext. Was ist normal, was ist abweichend, was ist krank.

Das Wort „markant“ in der obigen Frage geht ja sogar noch einen Schritt weiter. Es suggeriert etwas Positives, ja geradezu etwas Erstrebenswertes. Wir können uns hier also ein Kontinuum vorstellen, das von den beiden Extremen „wünschenswertes, erstrebenswertes“ und „abweichendes, krankhaftes“ Verhalten gekennzeichnet ist.

„Auch als graue Maus kann man leben“

Dazu will ich gleich etwas Desillusionierendes vorweg sagen: die meisten Menschen bewegen sich in der Mitte, und das ist auch gut so. Freud sagte einmal, Ziel der Psychotherapie sei geradezu die Desillusionierung. Wir müssen lernen, uns mit unserer Mittelmäßigkeit zu versöhnen. Oder, wie ein ehemaliger Ausbilder von mir zu sagen pflegte: „Auch als graue Maus kann man leben.“


Persönlichkeit ist ein Reifeprozess

Dies alles beantwortet aber immer noch nicht unsere eigentliche Ausgangsfrage. Deswegen zunächst ein kleiner Exkurs:

In den Humanistischen Psychotherapierichtungen, z.B. der Klientenzentrierten Gesprächstherapie nach C. ROGERS oder in der Gestalttherapie nach F. PERLS u.a. werden am ehesten Antworten versucht auf die Frage nach der psychischen Gesundheit zu geben. Man spricht hier von einer „Vollen“ Persönlichkeit („fully functioning personality“), also von einer Persönlichkeit, die einen gewissen Reifezustand erreicht hat. Dies sagt uns, dass Persönlichkeit nicht etwas Statisches ist, sondern etwas, was sich in ständigem Veränderungsprozeß befindet. Was auch heißt: man wird nicht als „markante“ Persönlichkeit geboren. Selbstverständlich will ich an dieser Stelle keine Diskussion über Anlage – Umwelt beginnen. Diese ist längst abgeschlossen, und man hat sich darauf geeinigt, dass bestimmte genetische Dispositionen immer auf ein sie auslösendes oder moderierendes Umfeld treffen. Der Einfluß der Umwelt ist dabei als deutlich prägender einzuschätzen. Menschen können lernen, und sie können lernen, sich zu verändern, wenn auch immer in einem begrenzten Rahmen: eben den vorgegebenen Einflussfaktoren von Genetik und Umwelt.

Die „volle Persönlichkeit“

Was macht nun den Reifezustand einer „vollen Persönlichkeit“ aus? Ich meine, er ist gekennzeichnet durch bestimmte Aspekte (Fähigkeiten), die man wie folgt umreißen könnte:

1. Der Mensch steht immer im Konflikt mit sich selbst und seiner Umgebung. Er ist inneren und äußeren Ambivalenzen ausgesetzt. Jemand, der diese Widersprüchlichkeiten oder Ambivalenzen erkennt und sie aushalten und mit ihnen aktiv umgehen kann, ist „vollständig“ gesund.

2. Der Mensch ist eine tragische Figur, da er im Bewußtsein seiner Sterblichkeit leben muß. Dies ist die größte narzißtische Kränkung, die wir kennen. Jemand, der dies erkannt hat und im stetigen Bewußtsein seiner Endlichkeit und Begrenztheit das Hier und Jetzt zu leben und zu genießen vermag, ist „vollständig“ gesund.

3. Der Mensch ist abhängig von seinen Lebensbedingungen. Jemand, der zu unterscheiden vermag zwischen dem was er selbst verändern kann und dem worauf er keinen Einfluß hat und entsprechend handelt, ist „vollständig“ gesund.

4. Der Mensch ist das was er ist. Jemand, der sich selbst erkannt hat, bzw. seine eigenen Anlagen und Möglichkeiten realistisch einzuschätzen weiß, ist „vollständig“ gesund.

5. Der Mensch ist ein Beziehungswesen. Jemand, der es wagt, Bindungen einzugehen und gleichzeitig seine eigenen Grenzen wahren kann, ist „vollständig“ gesund.

6. Der Mensch ist ein emotionales Wesen. Jemand, der seine Gefühle und Wünsche (Motive) wahrnimmt und diese vor allem auszudrücken in der Lage ist, ist „vollständig“ gesund.

7. Der Mensch entfaltet seine Persönlichkeit in dem Maße, wie er in der Lage ist, seine gesunde Aggression (nicht: Destruktion!) zu spüren und im Kontakt mit der Umwelt für seine Interessen einzusetzen. Jemand, der dies sehr gut beherrscht, ist „vollständig“ gesund.

Volker Drewes

Kann man das bei den ersten Dates erkennen?

Jemand, der auf diesen Skalen (1-7) im Durchschnitt über der Mittellinie liegt, ist eine „markante“ Persönlichkeit. Das ist – zugegeben – eine etwas eigenwillige Definition des Begriffes „markant“. Trotzdem kann es nützlich sein, sich dieser Zusammenhänge bzw. Hintergründe bewusst zu sein, wenn ich mich in einer Kennenlernsituation befinde. Denn die Zuordnung „Störung“ oder „Auszeichnung“, bezogen auf die Persönlichkeit meines (unbekannten) Gegenübers gleich zu Beginn eines Kontaktes ist natürlich sehr schwer.
Deswegen sollten wir mit unserem Urteil auch ein wenig warten und – im Falle eines tatsächlichen Interesses – einige Treffen „auf Distanz“ abhalten.

Aber danach könnten wir folgendes vermuten: Ein Mensch mit einer „markanten“ Persönlichkeit wird sich als flexibel erweisen und uns im Kontakt zugewandt und empathisch sein, auch wenn er mit seiner Person „heraussticht“. Er wird deswegen vor allem nicht auf übermäßiges „Show-Verhalten“ angewiesen sein.

Vorsicht vor Übertreibung und Manipulation

Im Gegensatz wird z.B. ein Mensch mit einer starken narzisstischen Störung schneller Zeichen von Bedürfnis nach Anerkennung und übertriebener Aufmerksamkeit senden, auf das er angewiesen ist.

Und ein Mensch mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung wird möglicherweise eine übertriebene Intensität an den Tag legen, die der – neuen – Situation nicht angemessen ist.

Dies sind nur zwei kleine Beispiele. Wichtig ist, dass „das Markante“ zwar auffällig, aber nie ausschließlich selbstbezogen ist und das Gegenüber nicht manipuliert wird. Sollte man also solch ein Bauchgefühl von „Manipuliertwerden“ entwickeln – dann sollten wir Vorsicht walten lassen und ein – gesundes – Misstrauen an den Tag legen.

 

 

Über unseren Interviewpartner:
Volker Drewes ist Diplom-Psychologe, betreibt seit fast 20 Jahren die Website beratung-therapie.de und entwickelte den Persönlichkeitstest sowie das Matchingverfahren von elitepartner.de.

 


Lesen Sie im nächsten Teil eine Antwort auf die Frage:

Welche Risiken in einer Partnerschaft sind zu erwarten, wenn beispielsweise eine narzisstische auf eine abhängige Persönlichkeit trifft?

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