Sadomasochismus:
Worin liegt die Unterscheidung zwischen „normal“ und „ungesund“?

Worin liegt die Unterscheidung zwischen „normal“ und „ungesund“ (oder gar „krank“) – und skurril oder verrückt?

bvuBettina Uzler: Was in einer bestimmten Kultur und Epoche als „normal“, was als „ungesund, unnormal oder verrückt“ gilt wird in der Regel gesellschaftlich und kulturell definiert, vom Geist der Zeit bestimmt und von den jeweiligen angesagten Wissenschaftlern festgelegt.

In einigen Staaten in Afrika und in manchen arabischen Ländern könne noch heute Todesurteile über schwule Männer verhängt werden, zumindest jedoch sehr lange Haftstrafen. Das in Ländern mit dieser Gesetzeslage Homosexualität als etwas Krankhaftes, als von der Norm abweichendes Sexualverhalten gesehen wird, scheint klar. Auch bei uns war bis zur Version 10 des ICD (International Classification of diseases) 1992 Homosexualität als psychisches Krankheitsbild gelistet.


 

Im Jahre 1886 veröffentlichte der Rechtsmediziner Richard von Krafft-Ebing die „Psychopathia sexualis“- eine Systematik der Perversionen. Darin wird sowohl der Sadismus als auch der Masochismus als eine krankhafte Übersteigerung der natürlichen Dispositionen von Mann und Frau beschrieben. Wobei dem Mann die aktive und aggressive, der Frau die passive und defensive Rolle zugeschrieben wird. Männlicher Masochismus sei demnach eine Verweiblichung des Mannes, Sadismus bei Frauen wird kaum beobachtet.

racRobert Coordes: Heute, zwei Jahrhunderte später, stapeln sich in öffentlichen Buchhandlungen der westlichen Industriestaaten SM-Romane, der Begriff „sexuelle Normalität“ hat sich geweitet und wird gänzlich neu definiert. Alles was Spaß macht und keinem schadet und gilt als „normal“. Es gibt Cafés für Transsexuelle, den Christopher-Street-Day zum öffentlichen feiern freier homosexueller Liebe, Swinger-Clubs in denen Partner getauscht, probiert und Orgien gefeiert werden, SM-Clubs, Liebes-Schulen, Pornofilm-Festivals und Stammtische für polyamor lebende und liebende Menschen und, und, und…nie schien der Begriff „normal“ in Bezug auf sexuelle Praktiken soweit gedehnt wie heute. Die Beziehungsfähigkeit jungen Menschen scheint demgegenüber eher abnehmend – insbesondere in Großstädten führen immer mehr Menschen ein mehr oder weniger freiwilliges Singleleben.

Klienten, die unsere Praxis aufsuchen, weil sie Beziehungsprobleme oder sexuelle Schwierigkeiten haben, leiden häufig unter Schuld- und Schamgefühlen, bezüglich ihrer sexuellen Wünsche und Vorstellungen. Die Angst „nicht normal zu sein“ trotz einer Lebenswelt in der es kaum noch sexuelle Tabus zu geben scheint, ist immer noch groß. In unseren Therapien arbeiten wir daran, die Sexualität der einzelnen Personen frei zu setzen, damit sie sich zu reifen sexuellen Persönlichkeiten entwickeln können. Häufig geht die Entwicklung dabei in Richtung einer unabhängigen, nicht auf bestimmte Techniken reduzierte Sexualität.

 


Über unsere Interviewpartner:

bvu
Bettina Uzler ist Diplom-Sozialpädagogin. Gründerin des Instituts für Beziehungsdynamik, Berlin. Paar- und Sexualtherapeutin, Buch- und Fachbuchautorin.

 

rac
Robert Coordes ist Diplom-Psychologe und seit 2006 Leiter des Instituts für Beziehungsdynamik, Berlin. Seit 2010 verschiedene Lehraufträge an Fachhochschulen und Universitäten.

 

 


Lesen Sie im nächsten Teil:

Wann würden Sie in einer Paartherapie das Thema SM zum Thema machen? Und wie würden sie es angehen?

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