Sadomasochismus:
Wann ist eher eine Therapie angesagt?

Wann würden Sie in einer „normalen“ Paartherapie das Thema SM zum Thema machen? Und wie würden sie es angehen?

racRobert Coordes: In unserer Praxis arbeiten wir normalerweise mit den Themen, die Paare mitbringen.

Diese können offensichtlich sein, häufiger jedoch sind unterschwellige Machtkämpfe, destruktives Beziehungsverhalten, emotionaler Missbrauch und Gewalttendenzen zu beobachten.

Wenn sich diese Themen im Laufe einer Therapie zeigen, ob nun bei Einzelklienten oder bei Paaren, arbeiten wir daran, diese Themen ans Licht zu holen, damit die Auseinandersetzung auf einer direkten und bewussten Ebene stattfinden kann. Die Schattenseiten, die eine Beziehung meist maßgeblich beeinflussen, sind in der Regel tabuisiert. Dadurch entziehen sich diese Aspekte dem Einfluss der Partner und zeigen sich in der Regel kindlich und archaisch.

 

bvuBettina Uzler: Es ist von Fall zu Fall abhängig, ob wir Empfehlungen aussprechen, die vorhandenen Machtspielchen in die Sexualität einzubauen. Unsere Erfahrung zeigt, dass das sexuelle Spiel mit Macht und Ohnmacht die Alltagsbeziehung von diesen Themen entlasten kann. Machtansprüche, die sexuell ausgelebt werden können sich so einlösen, das Bedürfnis nach Unterwerfung und Hingabe kann erotisch und spielerisch verknüpft werden. Allerdings sollte mit diesen Elementen nur gespielt werden, wenn grundsätzlich eine gute emotionale Verbindung unter dem Paar besteht, wenn deutlich sichtbar ist, dass es den Partnern darum geht, die Beziehung zu verbessern und nicht eine weitere Spielwiese für gegenseitige Verletzungen zu eröffnen. Denn dann kann es vollkommen unerwünschte Auswirkungen haben, die SM-Spielebene zu eröffnen. Bisher gedeckelte Gefühle können ins Bewusstsein drängen ohne dass das Paar dazu in der Lage wäre, sich diesen mit Distanz zu stellen.

racRobert Coordes: Wenn jeder Partner bereit ist, an sich selbst zu arbeiten und sich den unangenehmen Aspekten und Schattenseiten seiner Persönlichkeit zu stellen und eine gewisse Übersicht über die eignen Muster hat, dann kann sich ein paar auch in spielerischer Weise SM-Themen nähern.

Eine Intervention in diese Richtung sollte aus unserer Sicht in jedem Fall therapeutisch begleitet werden. Durch das ritualisierte Spielen mit SM-Elementen können weitere therapierelevante Themen auftauchen, schmerzhafte Erfahrungen aus früheren Erlebnissen können aktiviert werden und müssen in den therapeutischen Prozess integriert werden. SM ist immer ein Spiel mit Grenzen. Deshalb ist die Überprüfung, ob ein grundsätzliches Wohlwollen dem Partner gegenüber und die Bereitschaft Grenzen zu akzeptieren, vorhanden ist, sonst kann die Eröffnung diese Ebene eine Beziehung auch zerstören.

In unseren Sitzungen legen wir manchen Paaren leichte Einstiegsaufgaben, in denen in der Regel nicht die Praktik an sich im Vordergrund steht, sondern das psychologische Spiel. Wir bereiten dann Paare auf eventuell auftretende Emotionen und Spannungen vor und unterstützen die Partner so darin, sich einen spielerischen, partnerschaftlichen Entwicklungsprozess zu eröffnen.

Über unsere Interviewpartner:

bvu
Bettina Uzler ist Diplom-Sozialpädagogin. Gründerin des Instituts für Beziehungsdynamik, Berlin. Paar- und Sexualtherapeutin, Buch- und Fachbuchautorin.

 

rac
Robert Coordes ist Diplom-Psychologe und seit 2006 Leiter des Instituts für Beziehungsdynamik, Berlin. Seit 2010 verschiedene Lehraufträge an Fachhochschulen und Universitäten.

 

 


Lesen Sie im nächsten Teil:

Ist unsere Gesellschaft zu einer heimlichen, hedonistischen SM-Gesellschaft geworden?

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