Sadomasochismus: Sexualität eng mit Kindheit und Jugend verbunden

Foto Gabriele Remscheid, pixelio.de
Foto Gabriele Remscheid, pixelio.de

Ich habe bei meinen Recherchen Menschen kennen gelernt, die emotionale und verbale Formen von SM praktizieren, die Lust dabei empfinden, wenn sie andere Menschen mit Worten oder beispielsweise ausbleibenden Handlungen, z.B. Unzuverlässigkeit – oder durch gezielte Untreue verletzen. Ist das überhaupt noch SM? Wie geht man damit als Freund oder Partner um?

bvuBettina Uzler: In der SM-Szene gibt es eine Regel die sich Safe, Sane and Consensual, kurz SSC nennt, zu deutsch „sicher, mit gesundem Menschenverstand und einvernehmlich“.

Grob gesagt bedeutet dies, dass die Spielpartner keine gesundheitlichen Risiken eingehen die sie nicht überschauen können, dass sie Fantasie von der Realität unterscheiden können und das alles in gegenseitigem Einvernehmen geschieht. Die Rahmenbedingungen werden vor dem Spiel besprochen. Es gibt ein „Safeword“ mit dem das Spiel beendet wird, wenn etwas zu weit geht.

All diese Dinge zu klären und zu besprechen bevor man sich auf ein Spiel mit SM-Elementen einlässt bedeutet, dass alle Beteiligten um einen bewussten Umgang mit dieser Situation bemüht sind und dass sie sich mit ihren Fantasien und Wünschen offen auseinander setzen.

 

racRobert Coordes: In unserer Praxis begegnen uns immer wieder Paare, die in sadomasochistischen Beziehungsmustern verstrickt sind, die sich dessen aber NICHT bewusst sind. Der masochistische Part fällt durch eine Opferhaltung auf und es scheint, als ob er ständiger Demütigung und Verletzung ausgesetzt wäre. Der sadistische Part gibt sich als schuldbewusster „Täter“, als offener oder verdeckter Aggressor, der sich sein verletzendes Verhalten meist selbst nicht erklären kann.

Diese Beziehungen beruhen auf Machtspielen und Machtkämpfen, angetrieben durch unbewusste Racheambitionen. Menschen die Ohnmacht und Demütigung zu einem Zeitpunkt erfahren haben, als sie selbst noch abhängig von ihren Bezugspersonen waren, finden sich oft in solchen destruktiven Beziehungen wieder.

Den Partner aus Wut und Rache heraus zu demütigen oder in selbstschädigenden Beziehungssituationen zu verweilen hat für uns nichts mit SM zu tun. In unserer Praxis arbeiten wir mit Paaren die sich in einer sadomasochistischen, destruktiven Beziehung befinden daran, sich ihrer unbewussten Motive klar werden und sich mit ihren Gefühlen und Fantasien zu zeigen. Wir üben mit ihnen über diese „Tabubereiche“ zu sprechen. Bei einer positiven Entwicklung wird es dann möglich, die Elemente die sich in destruktiver Weise in der Alltagsbeziehung gezeigt haben, nun in die sexuelle Ebene einfließen zu lassen. Durch bewusstes Integrieren der sogenannten „Schattenseiten“ der Partner, kann sich die darin gebundene Energie lösen und ehemals destruktiv wirkende Mechanismen werden transformiert.

bvuBettina Uzler: Grundlegend bleibt zu sagen: Unsere Sexualität entsteht nicht im luftleeren Raum. Sie ist eng verbunden mit unserer sozialen Entwicklungsgeschichte. In der Regel lernen wir während unserer Kindheit und Jugend was uns sexuell anzieht und fasziniert. Hier kann es geschehen, dass wir auch Szenarien verinnerlichen, die normalerweise eher belastend sind. So kann es beispielsweise sein, dass der Teppichklopfer der Mutter, den sie bei ihrer Bestrafung eingesetzt hat, zum neurotischen Symbol wird.

Es ist sogar häufig so, dass Menschen widersprüchliche Reize und Beziehungsangebote als ihre sexuelle Grundlage verinnerlicht haben. So kann es auch sein, dass Menschen Lust dabei empfinden, wenn sie andere Menschen mit Worten oder auch ausbleibenden Handlungen verletzen. Dabei erleben sie eventuell Macht über den anderen und spielen dabei vergangene Szenen, Beziehungskonstellationen ihrer Kindheit nach. Psychoanalytiker sprechen hier auch von Aktualisierung. Dass heißt, dass wir in aktuellen Beziehungen und im Sexuellen Erfahrungen unserer Kindheit nachspielen, sie somit also aktualisieren. Dieses Phänomen ist nicht nur in SM Beziehungen an der Tagesordnung.

Meist allerdings spielen Paare die Erfahrungen ihrer Kindheit unbewusst nach und erleben die dabei entstehenden Gefühle als nicht erwünscht und den Partner zumeist als Täter.

Eine entsprechende psychologische Kopplung kann auch dann angenommen werden, wenn Paare SM-Szenarien bewusst spielen.

 

Über unsere Interviewpartner:

bvu
Bettina Uzler ist Diplom-Sozialpädagogin. Gründerin des Instituts für Beziehungsdynamik, Berlin. Paar- und Sexualtherapeutin, Buch- und Fachbuchautorin.

 

rac
Robert Coordes ist Diplom-Psychologe und seit 2006 Leiter des Instituts für Beziehungsdynamik, Berlin. Seit 2010 verschiedene Lehraufträge an Fachhochschulen und Universitäten.

 

 


Lesen Sie im nächsten Teil:

Sind Sadisten oder Masochisten durch besondere psychologische Merkmale gekennzeichnet, beispielsweise Narzissmus, Persönlichkeitsstörungen?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.