Sadomasochismus: Ruft das Internet verstärkt SM und andere Praktiken hervor?

Hat das Internet nach Ihrer Ansicht durch die Anonymität und Entfremdung von Körper und Gefühlen SM und andere Praktiken hervorgerufen, bestärkt oder beschleunigt? Belügen wir uns – online – nicht eher selbst? Alles nur ein Mittel gegen Einsamkeit?

racRobert Coordes: Sicherlich ist das Internet als fast unbegrenztes Kommunikationsmedium daran maßgeblich beteiligt, „SM und andere Praktiken“ zu bestärken und deren Verbreitung zu beschleunigen; hervorgerufen hingegen hat es sie nicht. Es ist eindeutig nachweisbar, dass SM älter ist als das junge Internet.

Unsere Gesellschaft ist durch eine zunehmende Beziehungslosigkeit und Selbst-Entfremdung zu beschreiben. Sicherlich ist die Frage danach, ob das Internet maßgeblichen Beitrag dazu leistet oder umgekehrt, ob das Internet selbst nur Ausdruck der individuellen Themen unserer Zeit ist, sehr berechtigt. Doch bringt die Antwort uns wirklich weiter, wenn wir nach therapeutischen Methoden und nach Entwicklungswegen suchen?

 

bvuBettina Uzler:Das Internet inspiriert, es bietet eine Plattform und unterstützt die Verbreitung von Meinungen, Fantasien und Vorstellungen. Und zugleich zeigt sich in Zeiten wie diesen, in denen Meinungen schnell austauschbar, Fantasien nachzulesen und wir  mit dem Versprechen geworben werden, dass Sex und Beziehungen an jeder Ecke des Internet verfügbar sind, dass dies nicht alles ist und dass uns heute Entscheidendes fehlt. Wir können uns heute freier denn je selbst erfinden, sind weniger denn jemals zuvor an die „guten“ Werte gebunden, die uns vor den „schlechten“ bewahren sollen. Wir können wählen und finden jeder Wahl entsprechende Gesinnungsgenossen im Internet. Doch gerade in diesem Feld an Möglichkeiten zeigt sich, dass es uns schwer fällt, uns darin zu verorten und zu definieren. Gerade durch das Internet mit seinen scheinbar unerschöpflichen Vernetzungsmöglichkeiten zeigt sich die Entfremdung als Orientierungslosigkeit oder Sucht in jedem einzelnen.

Entfremdung bedeutet auch, dass wir den Bezug zu unserer Körperlichkeit verloren haben, dass wir uns nicht spüren, uns als isoliert und vereinsamt erleben und auch, dass sich die Sehnsucht nach dem Spüren in uns verstärkt.

racRobert Coordes: Wie Menschen nun mit dieser Sehnsucht umgehen ist entscheidend. Wird die (Sinn)-Suche zur Sucht nach immer neuen Praktiken und Kicks, dann kann das Internet immer neuen Stoff liefern. Es gibt genügend Menschen, die dann in den unendlichen Möglichkeiten „verloren“ gehen und sich eher mehr entfremden und verlieren. Begeben sich Menschen allerdings auf einen Entwicklungsprozess, beginnen also damit, die eigenen Sehnsüchte zu reflektieren und zu erforschen, dann ist es möglich, in Ausdruck und Beziehung zu treten und die Vereinsamung zu beenden. Das Internet kann hier sicherlich inspirierend zur Seite stehen.

Über unsere Interviewpartner:

bvu
Bettina Uzler ist Diplom-Sozialpädagogin. Gründerin des Instituts für Beziehungsdynamik, Berlin. Paar- und Sexualtherapeutin, Buch- und Fachbuchautorin.

 

rac
Robert Coordes ist Diplom-Psychologe und seit 2006 Leiter des Instituts für Beziehungsdynamik, Berlin. Seit 2010 verschiedene Lehraufträge an Fachhochschulen und Universitäten.

 

 


Lesen Sie im nächsten und letzten Teil:

Fragen und Antworten zum Thema Sadomasochismus von der Selbsthilfevereinigung ‚Mayday‘

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