‚Mayday‘: SM-Selbsthilfe

Foto: Etienne Rheindahlen, pixelio.de
Foto: Etienne Rheindahlen, pixelio.de

Lust und Schmerz – gehören sie wirklich zusammen? Du hast erste SM-/BDSM-Erfahrungen gesammelt, bist verwirrt – oder lange dabei und möchtest aus der SM-/BDSM-Szene aussteigen? Hast viele Fragen? ‚Mayday‘ hat Antworten!

Bei meinen Recherchen in der SM-Online-Szene habe ich Sven kennen gelernt, der das Thema sehr behutsam aus eigener Erfahrung angeht – und Menschen mit seiner Initiative Mayday helfen kann.

Hier das Interview mit ihm – nicht nur von Interesse für SM- und BDSMler – auch für „Normalos“ mit tiefer gehenden Beziehungsproblemen. Lust & Schmerz – hängen manchmal mehr zusammen, als Du denkst.

 

Was macht Eure Initiative genau, wer finanziert sie, wer steckt dahinter? (Name, Telefon, Öffnungszeiten wären hilfreich)

Sven: Mayday war ursprünglich eine im Umfeld von SMart-Rhein-Ruhr angesiedelte Gruppe von SMerInnen die es sich zur Aufgabe gemacht haben, bei SM-Notfällen zu helfen. In der Zeit der Gründung (vor 12 Jahren) war die Szene noch nicht ganz so groß, vielfältig und offen wie heute.

Inzwischen sind wir eine kleine, in Deutschland und Österreich verteilte Gruppe. Zur Zeit handhabe ich Telefon und Mail alleine, meine Frau macht die Supervision für mich. Wenn als Ansprechpartner unbedingt eine Frau gewünscht wird, macht das ebenfalls die beste aller Ehefrauen.

Wir helfen bei Problemen und Notfällen rund um das Thema SM, vermittlen Ansprechpartner, Informationen, KAPs (Kink Aware Professionals) oder beraten in akuten Fällen.

Infos und KAPs (Kink Aware Professionals) finden wir durch Freunde in der Szene, bei den Aids-Hilfen, Pro Familia oder auch bei der Polizei, ja nach Lage der Dinge.

 

SM-Mayday – Notruf für Interessierte und Betroffene

Telefonisch erreichbar bin ich jeden Montag von 19.00 bis 23.00 Uhr

Telefonnummern:

+49 (0)700 62932976
+49 (0)221 63060305
+43 (0)720 701161 (bis 31.12.2013)
+43 (0)720 511529 (ab 01.01.2014)
Skype: mayday-austria
E-Mail: beratung@nemo.granus-werkstatt.de
Web: www.maydaysm.de

Ich rufe oder schreibe auch zu anderen Zeiten zurück, vorausgesetzt Beruf und Familie lassen das zu.

Viele Grüße, Sven

 

Mit welchen Problemen wenden sich Menschen aus der SM-Szene an Euch?

Sven: Das reicht von „Ich trau mich nicht!“ über „Ist das sicher?“ oder „Wo kann ich das lernen?“ bis hin zu Gewalterfahrungen, sexuellem Missbrauch oder missbräuchlichen Beziehungen.

In mehr als 9 von 10 Fällen haben Beziehungsprobleme mit SM an sich gar nichts zu tun. Die Muster, zum Beispiel in missbräuchlichen oder Co-abhängigen Beziehungen, unterscheiden sich bei SMern und Vanillas nicht.

Manchmal sind es einfach auch unerfahrene Menschen die sich eher aus Unwissen als aus bösem Willen gegenseitig das Leben schwer oder den Körper kaputt machen.

 

Was könnt Ihr tun?

Sven: Zuhören ist mal das allerwichtigste. Bei der Primärintervention vor allem, aber auch bei allen anderen Sorgen und Nöten. Darüber hinaus vermitteln wir Anwälte, Therapeutinnen oder Ärzte, geben Tipps undzeigen Handlungsmöglichkeiten auf. Wir vermittlen die Menschen an die organisierte, nicht-kommerzielle Szene und helfen ihnen ggf. aus familiären Notlagen.

 

Wieso überhaupt „SM-Szene“, „Commnunity“? Ein elitär abgeschotteter Kreis mit einschlägigen Portalen? Oder eine sehr stark ausgedehnte Szene von Hedonisten?

Sven: Kleiner, elitärer Zirkel beschreibt die Szene vor 25 Jahren. Wir haben aber sehr hart daran gearbeitet die Szene zu öffnen, sie allen Schichten, Altergruppen und Neigungen zugänglich zu machen, geschützte Räume zu schaffen und Angebote zu machen.

Heute ist „die Szene“ sehr groß, es gibt in jeder größeren Stadt (und auch in vielen kleinen) Stammtische, Clubs, Zirkel, Treffen, Parties, Munches etc. Es gibt die große Jugendorganisation SMJG, Themen- und Fetisch-spezifische Gruppen und -Treffen sowie immer mehr Überschneidungen mit anderen „Szenen“, zum Beispiel mit den Swingerclubs oder den Polyamourösen.

Alters- und bildungsmäßig ist die Szene heute ein Abbild der Gesellschaft, wobei der Anteil muslimischer Menschen naturgemäß kleiner ist als im richtigen Leben.

 

Ist SM/BDSM nicht längst in vielen deutschen Schlafzimmern angekommen?

Sven: SM war schon immer dort. Die Literatur beschreibt SMige Handlungen seit 4000 Jahren. Der prozentuale Anteil schwankt sehr stark, abhängig davon wo man die Grenze zu „normalem“ Sex zieht bzw. was man als SM definiert.

Heute ist man ein wenig offener mit dem Thema. Spätestens seit Shades of Grey (im übrigen ein grauenvoll klischeehaftes Buch) ist es ja geradezu salonfähig geworden.

In der Szene sind sehr viele Menschen unterwegs für die SM etwas Nettes auf der sexuellen Speisekarte ist. Für einen kleineren Teil ist SM elementarer und unverzichtbarer Bestandteil der eigenen Sexualität.

 

Ihr habt auf Eurem Portal einen interessanten Artikel zur Abgrenzung „Psychotherapie“ und „SM“…

Sven: Der Text ist schon ein bissl älter. Eigentlich habe ich den mal geschrieben um SMerInnen die Angst vor stationärer Therapie zu nehmen.

Manche Menschen leben ihre Persönlichkeitsstörungen im SM-Kontext aus. Das kann sehr produktiv und fruchtbar sein, kann aber auch gründlich schief gehen.

Beispiele:

Selbst verletzendes Verhalten wird an Dom delegiert. Das hat bei mir selbst sehr gut funktioniert. Mit Hilfe von SM und einer sehr guten Therapeutin bin ich schließlich mit meinen Schwierigkeiten klar gekommen.

Narzistische Persönlichkeit lebt diesen Aspekt als großer, böser Dom (oder Domina) aus und schafft es so im Alltag etwas beziehungsfähiger und aufmerksamer für andere zu sein. Dominantes Handeln, insbesondere wenn körperlich-SMige Aspekte eine Rolle spielen, muss erlernt werden. Im Zuge dieses Prozesses lernt Dom eben auch, sein Gegenüber genauer zu beobachten und kennen zu lernen. Wenn man in die Grenzbereiche des/der anderen vorstößt wird das sehr wichtig (und an der Grenze wird es ja erst richtig spannend ).

Hoch problematische Beziehungen zu Borderline-Persönlichkeiten können durch ein strenges Gerüst von Regeln und Strafen stabilisert werden.Köperliche Strafen können hierbei auch als „Blitzableiter“ dienen.

Das alles kann natürlich auch grandios nach hinten los gehen. Wichtig ist daher, dass die Beteiligten sich klar werden was da für ein Film rennt. Wichtig ist natürlich auch, dass dem Partner, der Partnerin keine therapeutische Verantwortung aufgebürdet wird, sondern dass der SMige Kontext im wesentlichen dazu dient, dass die beiden (oder 3 oder 4 oder x) gedeihlich miteinander auskommen können.

 

Wann Ihr eher jemandem empfehlt, eine Therapie zu machen, statt SM. Um welche Punkte geht es genau?

Sven: Das ist nur individuell zu beantworten. Grundsätzlich schlage ich eine Therapie vor wenn ein offensichtlicher Leidensdruck vorhanden ist bei dem ich glaube dass eine Therapie hilfreich sein könnte. Das hat erst einmal überhaupt nichts mit SM zu tun.

Nicht jeder Mensch ist überhaupt therapiefähig. Ich kenne eine Frau die trotz schwerer Depressionen TherapeutInnen gescheut hat wie der Teufel das Weihwasser. Sie hat es schließlich mit Ausdauersport geschafft sich aus ihrem jahrelang bewohnten schwarzen Loch zu befreien.

Auch haben viele Menschen aus rein finanziellen Gründen keinen Zugang zu adäquaten Therapien bei geeigneten TherapeutInnen. Die mit Kassenzulassung haben eine kilometerlange Warteliste und kennen sich
ggf. mit SM nur wenig aus. Die anderen kosten 80 oder 100 Euro die Stunde und sind damit außerhalb der finanziellen Reichweite. Hier versuchen wir in kostenlose oder niedrigschwellige Angebote, zum Beispiel über die Aids-Hilfe, Courage, ProFa etc. zu vermitteln.

Therapie statt SM würde ich wirklich nur dann empfehlen, wenn jemand ganz offensichtlich sich und anderen schadet, wobei ich die Messlatte hier sehr hoch legen würde.

Menschen, die SM als tiefes Bedürfnis empfinden, kann man genau so wenig davon abhalten wie man schwule Menschen zu Heteros machen kann. Von daher plädiere ich eher dafür, die so genannte Neigung (sind wir
schief???) zu internalisieren und gut damit zu leben.

 

Was ist eher ungesund, was nicht?

Sven: Auch hier gibt es keine pauschale Antwort.

Für die eine kann das Überschreiten persönlicher Grenzen sehr befreiend wirken, der andere wird dadurch möglicherweise heftig traumatisiert.

Für den einen kann SMiges Erleben psychischen Druck mindern, für die andere alles noch schlimmer machen.

Ein förderlicher und fürsorglicher Umgang miteinander innerhalb der Szene ist auf alle Fälle hilfreich. Alte Hasen sehen manchmal schneller wenn etwas in die falsche Richtung läuft und können ggf. auf freundschaftlichem Niveau die richtigen Knöpfe drücken.

Unser Interviewpartner:

sw-2012-06-20
Sven Dirks, 53 Jahre alt, verheiratet, Ingenieur und wohnt in Wien.

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