Ist Sadomasochismus in der Mitte der Gesellschaft angekommen?

Foto: Espressolia, pixelio.de
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In Deutschland wurde Sadomasochismus bzw. BDSM in den letzten Monaten zu einem Thema, das offenbar in der „Mitte der Gesellschaft“ angekommen ist. Frauen bekannten sich in der BILD am Sonntag im Frühjahr offen zu ihrer SM-Neigung. Ausgelöst durch die Trilogie von „Shades of grey“, deren Bücher sich in Deutschland bisher rund 6 Mio. verkauft haben? Oder steckt in uns Allen ein wenig Sado-Maso?

Unsere erste Frage in der neuen Serie ‚Sadomasochismus‘ an die Diplom-Sozialpädagogin Bettina Uzler und an den Diplom-Psychologen Robert Coordes…

 

rac Robert Coordes: Ja, der Erfolg der Shades of Grey-Trilogie zeigt, dass sado-masochistische Neigungen offensichtlich gesellschaftsfähig geworden sind und das heute weitaus freizügiger darüber gesprochen werden kann als vielleicht jemals zuvor.

Unser Bild von Sexualität ist immer auch gesellschaftlich und kulturell beeinflusst. Was uns sexuell erlaubt ist und was nicht, worüber wir sprechen dürfen und worüber nicht, was als normal und was als abnorm gilt, was für Männer und Frauen sexuell erstrebenswert scheint, ist abhängig von gesellschaftlichen Konventionen und kulturellen Werthaltungen.

 

Kennen Sie Beispiele für gesellschaftlichen Wandel?

bvu Bettina Uzler: Während Beate Rotermund-Uhse Ende der 60er Jahre für den Vertrieb von Reizpräservativen noch eines Vergehens nach Paragraph 184 StGB wegen der Anpreisung „zu unzüchtigem Gebrauche bestimmter Gegenstände“ schuldig gesprochen wurde, finden sich heute fast in jeder Duschgel-Werbung anstößigere Aufforderungen und Bilder. Gerade einmal 50 Jahre ist es her, dass die Pionierin in Flensburg mit ihrem „Fachgeschäft für Ehehygiene“ den ersten Sexshop der Welt eröffnet hatte. Heute findet sich in fast jeder größeren Stadt mindestens ein SM-Shop oder SM-Club, der zur Erweiterung der persönlichen und partnerschaftlichen Spielarten einlädt. Das Versprechen sexueller Befriedigung ist zur Marketingstrategie geworden.

Sicherlich ermöglicht der „sexuelle“ Zeitgeist erst diese begeisterte und breite Aufnahme der Shades of Grey Trilogie; wer das Buch gelesen hat, wird uns gewiss zustimmen, dass die SM-Thematik das Buch zum Kassenschlager machte und nicht etwa der sehr einfache Stil der Erzählung. Der 1954 erstmals veröffentlichte erotische Roman „Geschichte der O“ widmete sich dem Thema in sehr ähnlicher Weise und galt mit seiner detaillierten Darstellung von weiblicher Unterwerfung hingegen als Skandalbuch.

Heute ist ein Bekenntnis zu den eigenen so genannten „dunklen Seiten und geheimen Sehnsüchten“ möglich und gesellschaftlich erlaubt.

Offen bleibt, ob plötzlich im Schutze des öffentlichen Interesses sich Millionen Deutsche zum Sadomasochismus bekennen oder ob die Shades of Grey Trilogie erst dazu angeregt hat, diesen Pfad sexueller Spielarten zu eröffnen?

 

Steckt aus psychologischer Sicht nicht weit mehr hinter SM, beispielsweise eine Angst vor Zurückweisung – oder eine Angst vor den eigenen dunklen Seiten, Herr Coordes?

Robert Coordes: Psychologisch ist anzumerken: SM ist für uns nicht nur eine sexuelle Praktik, sondern darüber hinaus Ausdruck verdeckter und verdrängter menschlicher Sehnsüchte und Fantasien. Statt sich lediglich auf sadomasochistische Praktiken und Spielarten zu fokussieren lohnt es vielmehr, sich der Essenz sadomasochistischer Vorstellungen und Sehnsüchte bewusst zu werden.

Sadomasochistische wie auch andere sexuelle Fantasien nutzen wir in der sexualtherapeutischen Praxis als einen Hinweis auf Seiten in uns, die häufig tabuisiert sind und die im Alltag keinen oder zu wenig Platz finden.

Die Funktion dieser Fantasien, ebenso wie die Funktion von Träumen ist, das seelisches Gleichgewicht (wieder) herzustellen –sie balancieren uns quasi zwischen Ideal und Schatten, zwischen Anspruch und Selbstbild, aus.

Kaum eine sexuelle Fantasie, die Menschen wirklich bewegt und erotisch-sexuell anregt, kommt ohne die Dynamik Macht-Ohnmacht, Hingabe-Unterwerfung, oben-unten oder Nehmen und Genommen werden, aus. Themen wie Missbrauch und Unterwerfung, finden sich in den meisten „heimlichen“ Fantasien von Männern und Frauen und nur sehr selten taucht das romantische Ideal einer sexuellen Liebe auf „Augenhöhe“ in Masturbationsfantasien auf.

 

Dunkle Seiten sind auch positive Seiten, oder Frau Uzler?

Bettina Uzler: Für uns geht es darum, die Angst vor diesen Wünschen und Sehnsüchten zu verlieren und so den Schatz der zumeist als „dunkel“ geltenden Aspekte zu heben. Dies kann die persönliche und partnerschaftliche Entfaltung enorm fördern.

Ans Tageslicht der bewussten Betrachtung gezogen, verlieren diese Fantasien an Dramatik und Einfluss – unbewusst wirksam hingegen bestimmen sie häufig den Alltag vieler Paare und Einzelpersonen. So führen viele Menschen sadomasochistische Beziehungen, ohne sich darüber bewusst zu sein.

 

Über unsere Interviewpartner:

bvu
Bettina Uzler ist Diplom-Sozialpädagogin. Gründerin des Instituts für Beziehungsdynamik, Berlin. Paar- und Sexualtherapeutin, Buch- und Fachbuchautorin.

 

rac
Robert Coordes ist Diplom-Psychologe und seit 2006 Leiter des Instituts für Beziehungsdynamik, Berlin. Seit 2010 verschiedene Lehraufträge an Fachhochschulen und Universitäten.

 

 


Lesen Sie im nächsten Teil:

Ist Sadismus eher männlich und Masochismus eher weiblich?

Ein Gedanke zu „Ist Sadomasochismus in der Mitte der Gesellschaft angekommen?“

  1. Hallo ich finde nicht, dass BDSM einem Zeitgeist entspricht, sondern sadistisch, masochistisch , Dominanz oder Devot sein, eine Neigung ist, genau wie die Homosexualität. Lediglich der Wunsch nach was anderem fasziniert die Vanillas. Bei Partys oder bei dem Austausch über Chats, kann man feststellen, dass deren Fantasie und die Realität weit auseinander klaffen und wenn eingefordert wird, der Wunschzettel zum Einsatz kommt. Eine BDSM Beziehung ist weit mehr. Sie bezieht sich nicht nur auf das Sexualleben, es ist ein anderes Zusammenleben. Alice Schwarzer hat uns devoten maso Frauen keinen großen Dienst erwiesen, sich nämlich wirklich zu dieser Rolle zu bekennen wird belächelt oder stark kritisiert. Es steckt in mehr Menschen stecken als man vermutet aber die wirklichen devoten Frauen, ich kann nur von Frauen reden, halten sich zurück, bis auf ein paar wenige. Ich spüre immer wieder das BDSM für viele ein Spiel ist in dem man sich mal versucht, das selbe wie wenn Menschen immer wieder neue Trendsportarten versuchen weil es hipp ist. Lust aus SM hat man nicht, sondern man lebt es. Man ist ja auch nicht mal kurz Homosexuell. Wenn man es halt man versucht und sich wirklich hingibt, dann lässt man es schnell wieder bleiben wenn man dafür nicht geeignet ist. Allerdings wenn man eine wirkliche BDSM Beziehung führt, dann ist es das Intensivste was man sich vorstellen kann, verantwortungsvoller und respektvoller Umgang ist das Wichtigste absolute Ehrlichkeit und keinerlei Geheimnisse sind Voraussetzung. Es ist mit nichts zu vergleichen.

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