Leidet einer der Partner nicht eher unter Polyamorie?

Ist Polyamorie nicht eher ein Wunschdenken in Künstlerkreisen, beispielsweise bei Menschen am Prenzlauer Berg in Berlin? Es leidet doch immer ein Partner darunter, oder wie sehen Sie das?

Weinreich 2009 originalWulf Mirko Weinreich: Polyamorie ist einfach eine Realität, unabhängig von jeder Ideologie, die mal funktioniert, und mal scheitert – wie normale Beziehungen auch. Leiden geschieht eigentlich nur, wenn jemand gegen seinen Willen in eine polyamore Beziehung hineinrutscht, z.B. weil er seinen langjährigen Partner nicht verlieren will, ohne davon überzeugt zu sein. Wenn es ihm – egal aus welchen Gründen – nicht gelingt, sich für die neue Realität zu öffnen, wird er diese Beziehung verlassen. Doch wenn alle Beteiligten sich entschieden haben, polyamor zu leben – warum sollte einer darunter leiden? Das heißt nicht, daß es einfach ist. Andererseits bringt es auch neue Freiheiten und Freuden.

Über unseren Interviewpartner:

Weinreich 2009 originalWulf Mirko Weinreich, Jahrgang 59, ist in eigener Praxis in Leipzig tätig. Er arbeitet vor allem mit Interventionen der Humanistischen, Systemischen und Transpersonalen Psychotherapie sowie spirituellen Methoden als Einzel- und Paartherapeut.

 


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Angenommen, ein Mann hat zwei Frauen. Alle Drei sind einverstanden mit dieser Form der Beziehung. Nun werden aber beide Frauen krank. Der Mann muss sich entscheiden. Oder die Kinder der beiden Frauen haben am selben Tag einen Einschulungstermin in unterschiedlichen Schulen. Ist Polyamorie im Alltag nur eine Illusion?

Psychische Probleme wegen Polyamorie?

Haben Sie in Ihrer Praxis bereits psychische Probleme wegen Polyamorie erlebt?

Weinreich 2009 originalWulf Mirko Weinreich: Aus meiner Sicht gibt es keine spezifischen Folgen von Polyamorie, sondern nur Beziehungskonflikte – und die gibt es auch bei monoamoren Paaren.

Polyamore Beziehungen sind einfach noch etwas komplexer als die üblichen Zweierbeziehungen. Und da sie in unserer Gesellschaft keine Tradition haben, haben wir noch keine Muster entwickelt, wie wir damit umgehen können. Außerdem gibt es natürlich auch in polyamoren Beziehungen Krisenzeiten, Trennungen, usw. – also alles das, womit auch normale Paare zum Therapeuten gehen würden.

Die Transzendenz von Eifersucht ist natürlich das Hauptthema für Polyamore: Liebe ich meinen Partner so sehr, dass ich mich freuen kann, wenn es ihm mit einem anderen Menschen gut geht? Außerdem gibt es logistische Probleme: wie teile ich mir die 24 Stunden des Tages ein, dass für jeden genügend Zeit da ist?

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Polyamorie – Ein neues Beziehungsmodell unserer Zeit?

Foto: Rosel Eckstein, pixelio.de
Foto: Rosel Eckstein, pixelio.de

 

Welche Menschen sind eher, welche eher nicht für Polyamorie und offene Beziehungegn geeignet? Polyamorie ist doch eher was für Hippies! Oder ist es ein neues Beziehungsmodell für das 21. Jahrhundert?

Weinreich 2009 originalWulf Mirko Weinreich: Polyamorie ist meines Erachtens vor allem für Menschen geeignet, denen es erstens passiert, und die zweitens geistig flexibel genug sind, das gesellschaftlich akzeptierte Idealbild der romantischen Zweierbeziehung zu überwinden und die drittens mutig genug sind, diese Möglichkeit mit denen, die sie lieben, auszuprobieren und auch der Umwelt gegenüber zu vertreten.

Viele Menschen kommen ja nie in die Verlegenheit, so daß sich die Frage für diese gar nicht stellt. Und von denen, die sich wieder verlieben, obwohl sie schon in einer liebevollen Beziehung leben, kommen viele nicht auf die Idee, die herrschende Ansicht zu hinterfragen.

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Polyamorie, freie Liebe und offene Beziehungen

Gibt es Unterschiede zwischen Polyamorie, freier Liebe und offenen Beziehungen?

Weinreich 2009 originalWulf Mirko Weinreich: Das Besondere an der Polyamorie ist in meinem Verständnis eine relativ dauerhafte emotionale partnerschaftliche Bindung an mehrere Menschen mit dem Einverständnis aller Beteiligten. Diese Beziehungsform orientiert auf eine gemeinsame Lebensgestaltung. Sie schließt in den meisten Fällen auch den sexuellen Austausch ein, doch muss das nicht sein und steht auch nicht im Vordergrund.

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Unsere neue Serie ‚Polyamorie‘: Vielliebhaberei als Modetrend oder als neues Beziehungsmodell im 21. Jahrhundert?

Foto: S. Hofschläger, pixelio.de
Foto: S. Hofschläger, pixelio.de

 

Polyamorie, so erscheint es mir, ist eine vorübergehende Modewelle. Beispielsweise, weil ein Mitglied der Piratenpartei das Thema in die Öffentlichkeit trug. Oder weil Psychologen jüngst vom Unsinn der Treue sprachen. Was ist überhaupt – in wenigen Worten – Polyamorie? Eine Frage an den Leipziger Psychotherapeuten Wulf Mirko Weinreich …

Weinreich 2009 original Wulf Mirko Weinreich: Es könnte sein, daß Polyamorie keine Mode, sondern ein Entwicklungstrend ist. So, wie die Kleinfamilie aus der Großfamilie entstanden ist und diese aus dem Clan. In unseren Köpfen herrscht immer noch das Idealbild der romantischen Zweierbeziehung und die Vorstellung, daß es diese schon immer gegeben hat und immer geben wird. Dabei ist diese Vorstellung, einschließlich ihrer Institutionalisierung als Kleinfamilie von Mann und Frau, keine 200 Jahre alt. Sie verlangt von den Partnern, sich gegenseitig möglichst alles zu sein. Das überfordert viele Beziehungen völlig. Was liegt näher als die Idee, mit mehreren Partnern zusammenzuleben und die Freuden und Lasten zu verteilen?

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