Wenn Sadomasochismus zur Sucht wird … was tun?

Foto: Thorben Wngeter, pixelio,de
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Für mich als Laie klingen „harte SM-Spiele“ eher wie praktizierte Borderline-Techniken zu zweit. Es mag darunter Menschen mit Suchtverhalten geben, die kaum zugänglich und schwer therapierbar sind. Wie kommt man an diese Menschen als Angehöriger heran? Ist das überhaupt sinnvoll?

racRobert Coordes: Wenn Menschen schwer zugänglich erscheinen, dann zumeist daher, weil Ihnen die „verschlossenen“ Bereiche besonders wichtig und schützenswert sind. Dabei geht es nicht immer um Sex oder SM, sondern häufig darum, die eigene Autonomie unter Beweis zu stellen. Sicherlich können eine zunehmende Isolation und suchtartiges Verhalten bei nahen Verwandten oder Freunden Angst machen – doch es liegt in der Natur der Sache, dass wir Menschen, die in dieser Weise nach Autonomie streben, schwer erreichen können. Schließlich versuchen diese sich ja aus wie auch immer gearteten Abhängigkeiten zu lösen und daher besteht auch eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass aus Besorgnis angebotene Hilfeleistungen eher auf Ablehnung stoßen.

Fragen Sie sich: Warum will ich überhaupt an jemanden herankommen? Wozu suche ich Zugang, während mir der Zugang offensichtlich verwehrt wird? Welche Motive bewegen mich?

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Sadomasochismus: Wann ist eher eine Therapie angesagt?

Wann würden Sie einem praktizierenden SM’ler (Sadomasochisten) empfehlen, eher eine Psychotherapie zu machen? Wann wird SM wirklich pervers?

bvuBettina Uzler:Die Beschäftigung mit persönlichen Entwicklungsthemen auf einer psychotherapeutischen Ebene ist in unseren Augen nicht nur bei den sogenannten „sexuellen Störungen“ oder anderweitigen psychischen Problemen zu empfehlen.

In unsere Praxis kommen viele Paare, die seit Jahren keine gemeinsame Sexualität mehr leben, dafür aber von einer relativ friedlichen Alltagsbeziehung berichten. Es kann dann sein, dass durch Vermeidung sexueller Begegnungen die Beziehung einigermaßen von Spannungen frei gehalten wird. In der Sexualität würden diesen Paaren Gefühle begegnen, die nicht in deren Beziehungsmodell passen.

Den Fokus nach innen zu lenken, die eigenen unbewussten Motive zu integrieren und sich mit dem, was uns in Beziehungen und Sexualität bewegt, auseinander zu setzen, kann wie ein Aphrodisiakum wirken.

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Sadomasochismus: Wo liegen die Grenzen?

Außerdem wäre es in diesem Zusammenhang auch interessant zu untersuchen, wie viele Menschen bisher umgekommen sind, weil sie in romantischer Weise ihrem Partner folgten. Sicherlich würden wir dann zum Schluss kommen, dass nicht SM, sondern Sex im Allgemeinen zu den größten Gefahrenquellen des menschlichen Daseins zählt.

 

Foto: Etienne Rheindahlen, pixelio.de
Foto: Etienne Rheindahlen, pixelio.de

Sind Brandings (Brandzeichen), Rasierklingen, um die Haut aufzuschlitzen, Nägel in die Haut zu schlagen, Kerzenwachs, der bleibende Brandwunden verursacht, Atemspiele mit Würgetechniken oder stundenlänge Schläge auf Rücken, Hintern und Geschlechtsteile mit einem Rohrstock noch „normal“ beim Sadomasochismus?

Im Jahr 2009 verstarb eine junge Frau an Atemspielen. Der Mann beteuerte seine Unschuld, da sie ihr Einverständnis gab. Er spricht von einem Unfall. Wo liegen die Grenzen bei SM? Fragen an den Psychologen Robert Coordes und die Sexualtherapeutin Bettina Uzler.

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Kann Sadomaso-Sex süchtig und abhängig machen?

Foto: Petra Bork, pixelio.de
Foto: Petra Bork, pixelio.de

SM geht ja für einige Menschen noch wesentlich weiter als nur „Augen verbinden“ und ein wenig Popo-Klapse oder Peitschenhiebe. Wo fängt denn Sex-Sucht an? Wie definiert sich Abhängigkeit beim Sex?

bvuBettina Uzler: Es ist nicht eindeutig zu definieren, wo eine Sexsucht beginnt. In der aktuellen Krankheiten-Klassifizierungsliste der Weltgesundheitsorganisation, dem ICD-10, findet man den Begriff der „Hypersexualität“, was ein gesteigertes sexuelles Verlangen, bzw. sexuell motiviertes Handeln bezeichnet, welchem unterschiedliche Ursachen zugrunde liegen können.

Wann sexuell übersteigertes Verhalten anfängt, ist schwierig zu definieren. Eine Person kann drei Mal täglich Sex haben und darin keine sexuelle Zufriedenheit erfahren, während eine andere Person Befriedigung erfährt, die sich nur ein Mal im Monat sexuell betätigt. Von Sexualtherapeuten wird bestritten, dass die Quantität an Sexualität ein bewertbares Kriterium ist. Die Einschätzung, was als „übersteigert“ gilt, unterliegt immer auch gesellschaftlich-kulturellen Werten und Normen und hängt eng damit zusammen, was als „normal“ verstanden wird. Daher herrscht bei den Kriterien weitestgehend Uneinigkeit.

Alfred Charles Kinsey (1894-1956) sagte 1953 ironisch über die Hypersexualität: „Eine Hypersexualität kann bei einer Person festgestellt werden, die mehr Sex hat als Sie.“

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Wann fängt Sadomasochismus an, ungesund zu werden?

Foto: Andreas Stix, pixelio.de
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Wann fängt SM an, ungesund für einen Menschen zu werden, selbst wenn beide Partner damit einverstanden sind? Eine Frage an die Sexualtherapeuten Robert Coordes und Bettina Uzler.

racRobert Coordes: SM beginnt dann „ungesund“ zu werden, wenn er exzessiv und ausschließlich praktiziert wird. Mit „exzessiv“ ist hier gemeint, dass nicht mehr das Spiel um sadomasochistische Regungen im Vordergrund steht, sondern die Technik selbst und der zunehmend intensiver ersehnte „Kick“. Dann kann es sein, dass der Kick, also die körperliche und psychische Sensation, bedeutsamer wird, als die Verbindung mit dem Partner selbst. SM wird so zur reinen zielorientierten Technik und so zur Flucht vor den eigenen Gefühlen und vor der Beziehung mit einem anderen Menschen. Ungesund wäre dann, wenn zwei Partner sich in Praktiken und Techniken aneinander abarbeiten ohne sich menschlich-emotional zu begegnen. In vielen exzessiven SM-Beziehungen kann man dann beobachten, dass die Partner emotional „verhärten“ und dann immer mehr Kicks suchen, um sich einigermaßen lebendig zu fühlen.

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War Sadomasochismus schon immer ein Bestandteil menschlicher Kulturen?


„Ist SM ein Bestandteil menschlicher Kulturen, wenn ja, warum? Gab es Hochkulturen, in denen besonders viel SM praktiziert wurde? Woran lag das?“, fragen wir die Berliner Sozialpädagogin und Sexualtherapeutin Bettina Utzler.

bvuBettina Utzler: SM wird in der heute vermarkteten Form sicherlich in keiner Hochkultur bekannt gewesen sein. Sadomasochistische Praktiken, wie beispielsweise das Auspeitschen – die Flaggelation – werden jedoch in vielen Kulturen und in praktisch allen Zeitaltern beschrieben.

Schon das Kama Sutra (ca. 300 nach Christus) stellt vier Schlagarten beim Liebesspiel mit den dazugehörigen Körperregionen vor. Dabei weist der Text darauf hin, dass Schlagen, Beißen und Kratzen während des Geschlechtsverkehrs nur einvernehmlich geschehen darf- eine feststehende Regel unter SMern, die in dieser Schrift so zum ersten Mal auftaucht.

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Wann ist Sadomasochismus für Paare empfehlenswert?

Foto: S. Hofschlaeger, pixelio.de
Foto: S. Hofschlaeger, pixelio.de

 

In unserer Sadomasochismus-Serie möchten wir heute von dem Psychologen und Sexualtherapeuten Robert A. Coordes wissen, wann SM für Paare empfehlenswert ist. Herr Coordes, würden Sie Paaren SM empfehlen? In welchen Fällen? Wann eher nicht?

racRobert Coordes: Manche Paare spielen in ihrem Alltag SM, ohne dass es ihnen bewusst wäre. Sie bewegen sich unbewusst zwischen Macht, Ohnmacht, Bestrafung und Rache und kommen in Paartherapie, um Auswege aus dauerhaften Streitereien oder die Flaute im Bett zu finden.

In diesem Fall kann es sinnvoll sein, bewusst Szenarien zu gestalten, in denen es um Macht oder Hingabe geht. Bewusst initiierte Szenen können sexuelle Handlungen beinhalten oder auch nicht. Manchmal gewinnen Paare bereits tiefgreifende Erkenntnisse, wenn einer der Partner in dominanter Weise seine Bedürfnisse ausdrückt und deren Erfüllung einfordert. Auch wenn ein Partner sich andererseits in der „Alltags-Beziehung“ eher unterwürfig zeigt, so kann eine große Herausforderung darin bestehen, Befehle des anderen ohne Widersprüche auszuführen.

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