Hat sich unsere Gesellschaft heimlich zu einer hedonistischen SM-Gesellschaft entwickelt?

Foto: D.Braun, pixelio.de
Foto: D.Braun, pixelio.de

Wir leben in einer immer stärker wachsenden hedonistischen Gesellschaft, die ihre Genüsse, Freuden und Lüste auslebt. Beispielsweise die Kitkatclubs – und deren anderweitige Ausdehnung deutschlandweit. Es gibt kaum mehr eine Stadt, in denen nicht solche Partys mit großem Zulauf stattfinden.

Nach meinen Recherchen in der Szene schreiben aber – im Gegensatz – zum Hedonismus – einige Besucher solcher Partys von Sinnentleerung, tiefer Einsamkeit, kaum mehr anderen Wegen zu ihren Gefühlen – und vor allem von tiefen Schmerzen, denen sie sich selber immer wieder aussetzen. Ist unsere Gesellschaft heimlich zu einer hedonistischen SM-Gesellschaft geworden?

bvuBettina Uzler: Hedonismus wird uns vielleicht als Zeitgeist verkauft, wir leben stattdessen allerdings in einer Zeit und in einer Gesellschaft, in der Sexualität und Beziehung wie eine Ware an jeder Ecke feilgeboten werden. Mit Genuss, Überschwang und Lebensfreude hat dies in der Regel herzlich wenig zu tun. Die Anzahl der Singles, die verbindliche Beziehungen meiden und sich hin- und wieder (sexuelle) Kicks besorgen, steigt massiv an. Sex wird dort zur Verdienstquelle und zum beliebten Konsumartikel, wo Menschen sich abgeschnitten und fremdbestimmt fühlen und eben nicht so einfach mit anderen in Beziehung treten können.


 

Der bekannte Psychoanalytiker Erich Fromm sagte, dass wir in einer narzisstischen Gesellschaft leben – wir haben es quasi gelernt, unser Glück im Außen zu suchen, zu konsumieren und denjenigen Reizen hinterherzulaufen, die uns den nächsten Kick versprechen. Dem gegenüber steht eine zunehmende Beziehungslosigkeit und Vereinzelung, wir werden innerlich leer, eben weil wir an der „falschen“ Stelle suchen. Glück kann nur im Inneren gefunden werden – indem wir uns mit uns selbst auseinandersetzen, persönlich und auch partnerschaftlich entwickeln und in die uns auferlegten Grenzbereiche vorwagen.

racRobert Coordes: Sich in Grenzbereiche vorzuwagen kann in SM-Clubs geschehen, muss es aber nicht. Hier entscheidet die Haltung: Wird der Clubbesuch zum reinen Ausdruck des Lifestyle, zur Möglichkeit zu Sehen und Gesehen zu werden, dann droht über kurz oder lang eher der Kontakt zur inneren Leere anstatt die Steigerung der Fähigkeit, in Beziehungen zu treten. Dient das Praktizieren von SM hingegen der Erweiterung der persönlichen Grenzen, indem man bewusst und achtsam über die eigenen Ängste hinausgeht, dann kann dies die Selbstbeziehung tiefgreifend verändern und innere Spannungen lösen.
Strebt man lange Zeit ausschließlich nach Kicks und konsumiert dabei eine Beziehung nach der nächsten, dann ist es nur eine Frage der Zeit bis einem Menschen dieser Lebenswandel sinnentleert und hohl erscheint. Viele machen dann zur Lösung dieser Misere mehr desselben; suchen nach verstärkten Kicks, werden exzessiv und übergehend und verlieren so zunehmend den Kontakt zu sich selbst.

Die Lösung liegt eher da, sich den aufkommenden Gefühlen zu stellen und sich die Sinnfrage zu stellen ohne wegzulaufen. Dieser Prozess kann uns die unbewussten Muster in unserem Leben vor Augen führen, die zwischen uns und anderen stehen. Wir lernen uns so besser kennen und schärfen so auch den Blick für die Bedürfnisse und Sehnsüchte von Anderen. Dies ist der Weg aus der zwischenmenschlichen Isolation, die exzessive Suche nach dem nächsten Kick hingegen verstärkt zwangsläufig die Entfremdung.

Über unsere Interviewpartner:

bvu
Bettina Uzler ist Diplom-Sozialpädagogin. Gründerin des Instituts für Beziehungsdynamik, Berlin. Paar- und Sexualtherapeutin, Buch- und Fachbuchautorin.

 

rac
Robert Coordes ist Diplom-Psychologe und seit 2006 Leiter des Instituts für Beziehungsdynamik, Berlin. Seit 2010 verschiedene Lehraufträge an Fachhochschulen und Universitäten.

 

 


Lesen Sie im nächsten Teil:

Hat das Internet nach Ihrer Ansicht durch die Anonymität und Entfremdung von Körper und Gefühlen SM und andere Praktiken hervorgerufen, bestärkt oder beschleunigt? Belügen wir uns – online – nicht eher selbst? Alles nur ein Mittel gegen Einsamkeit?

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