Liebe (mit-)teilen

Foto: Gerhard Hermes  / pixelio.de
Foto: Gerhard Hermes / pixelio.de

Liebe fühlt sich gut an, man wünscht sich in solchen Momenten, dass sie nie vergeht. Aber was ist das eigentlich – Liebe? Liebe, so jedenfalls ist bekannt, lebt nicht nur im Herzen und im Magen, durch den bekanntlich die Liebe geht, es ist vor allem der Solarplexus, in dem man die Liebe spürt. Er vibriert, wenn man liebt, vor allem, wenn man frisch verknallt ist. Das zum Körpergefühl.

Liebe ist also „toll“, macht uns verrückt, ein „gutes“, scheinbar positives Gefühl, das uns regelrecht verzaubert. Ist das aber wirklich Liebe? Spüren wir nicht wesentlich mehr Gefühle, etwa auch Angst, Wut, Schmerz und Traurigkeit, wenn wir lieben?

Geteiltes Leid ist halbes Leid – und geteilte Freude doppelte Freude.

Liebe kennt kein Besitzdenken

Bei Liebe denken wir an Glück, Zufriedenheit, leidenschaftlichen Sex, ewige Verbundenheit, vielleicht sogar an Heiraten, oder an Kinder machen, vor allem an kuscheln und necken, an küssen und streicheln, dem Anderen nahe zu sein, an … so vieles. Nur nicht an – scheinbar – negative Gefühle. Wir möchten dieses Gefühl der Liebe am liebsten in die ganze Welt hinaus schreien – vor Freude. Tanzend, hüpfend, singend und lachend.

Ist es aber nicht gerade auch Liebe, wenn wir uns tief mit einem anderen Menschen verbunden fühlen und wir mit ihm alle Gefühle teilen möchten? Auch Schmerz, Angst, Traurigkeit und Wut? Warum ist es so schwer, derartige Gefühle zu teilen, sie mitzuteilen? Haben wir Angst, den anderen Menschen zu verlieren, wenn wir beispielsweise über unsere Ängste sprechen? Es macht uns so verletzlich und angreifbar, ja. Aber menschlich.

Liebe braucht keine Treue- und Ehrlichkeitsversprechen

Liebe zu teilen, heißt nicht nur Freude zu teilen, es bedeutet – rein praktisch betrachtet – Leben miteinander zu leben. Ohne Hollywood, ohne verklärte Romantik, ohne klammern und Abhängigkeit, ohne Kontrollwahn und Manipulation. Den Anderen so zu nehmen, wie er nun mal ist. Mit all seinen Gefühlen – als Mensch. Das setzt voraus, dass wir ehrlich sind. Zu uns selbst. Nur der, der ehrlich zu sich selbst sein kann, wird auch Anderen gegenüber ehrlich sein. Wenn ich heute in zahlreichen Internet-Singlebörsen – vor allem bei Frauen – lese, dass sie Ehrlichkeit und Treue voraussetzen, gar als Bedingung stellen, mache ich eher einen Bogen um sie. Und denke an folgendes Video …

 

Liebe ist keine Vermutung

Gerade wir Männer haben Probleme damit, über Gefühle zu sprechen. Aber ich kenne auch viele Frauen, die ihre Gefühle mit zunehmenden Alter weggesperrt haben. Vergraben hinter meterdicken Mauern. Eingeschlossen in einem Gefängnis, das einer geschlossenen Psychatrie mit Stacheldraht und dicken Gittern gleicht. Voller Angst, nochmal verletzt zu werden. Sie glauben, dass der ideale Partner, der „Richtige“ sie kennt, sie erahnt, die eigenen Gefühle, während man im Herbst des Lebens Hand in Hand miteinander spazieren geht. Gefühle kann ein Partner nie erahnen, wenn man sie nicht mitteilt. Liebe heißt Teilen. Nicht Vermuten. Oder Erahnen. Wer nicht teilt, lebt egoistisch. Lieblos. Alleine. In tiefer Einsamkeit. Mit lebloser und gespielter Freude. Mit einem Herz, das nicht tanzt vor innerer Freude, das nur weint und jammert. Vor Selbstmitleid.

Liebe ist innere Verbundenheit – mit sich selbst

Liebe möchte man am liebsten vor Freude in die Welt hinaus schreien, oder in anderen Momenten schweigend miteinander teilen.

Ich hatte mal eine Beziehung zu einer wundervollen Frau, die mir keinen einzigen Liebesbrief geschrieben hat. Dafür aber sieben bis acht Abschiedsbriefe. Es war ihre Art, mir ihre Liebe zu zeigen. Während ihre Seele sich nach Liebe sehnte, blockierte ihr Verstand, ihr zutiefst verletztes Ego, jegliches mitteilen von Gefühlen. Das Ego wollte nicht teilen, nur besitzen – und nicht von altem Schmerz loslassen. Sie erfuhr Liebe nur durch Schmerz. Wir liebten nicht, wir litten miteinander. So gesehen, ist auch Mit-Leid eine Form des Teilens. Unsere wirkliche Liebe bestand darin, dass, während unsere Genitalien sich suchten, sich unsere Seelen fanden. Ich fühle mich auf ewig mit ihr verbunden, auch wenn kein Kontakt mehr besteht. Und wenn ich ehrlich, ganz ehrlich zu mir selbst bin, dann ist dies mein erster, wenn gleich auch letzter, Liebesbrief an sie.

 

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