20 Antworten

  1. roseanna
    20. November 2013

    Hallo Viktor,
    mir fehlen in den Beschreibungen von polyamoren Beziehungen die Bindungsbedingungen. Sie sind für meine aktuelle Perspektive ein wenig egozentrisch. Ich erlebe als middle-age-erin die klassische Sandwich-Situation, dass ich einerseits Grundschulkinder, andererseits eine an Demenz erkrankte Mutter betreue, aus Existenzgründen halbtags arbeite und seit 14 Jahren in einer monogamen Beziehung lebe. Auf der Ebene des „ich will mehr sein als mutterpflegerinehefrau“ kann ich die Lust, mich anderen Menschen als denen in meiner Familie zuzuwenden, nachempfinden. Ich erlebe die Bindungsverantwortung zu meinen Kindern und Eltern (also zu denen, zu denen ich eine liebevolle Beziehung ohne Sexualität habe) aber als so stark, dass ich mein Leben nicht nur nach meinen individuell-sexuell motivierten Bewegungswünschen gestalten mag. Wenn mein Partner sich hier und jetzt neben unserer Beziehung in eine weitere sich bewegen wollte, was würde dann aus den nicht sexuellen Bindungen und der Verantwortung für diese? Kann ich die allein überhaupt bewältigen? Es ist einfach sehr anspruchsvoll, gleichzeitig Brut- und Seniorenpflege mit Berufstätigkeit umzusetzen, da bin ich oft nicht mal mit mir selber in einer Beziehung. Ich lebe in einem großen Freundeskreis, so dass ich Kontakt und Austausch habe und pflege auch eigene Hobbies, die keiner in der Familie mit mir teilt. Aber weder die Freunde noch die Hobbies brauchen meine Energie in einem Maße, wie es eine Beziehung bräuchte. Und ich lebe halt nicht in einer matriarchalen Gruß-Gruppe, sondern (zwar so unkonventionell wie möglich) in einer ganz alltäglichen Familiensituation. Diese ganzen Verantwortlichkeiten finde ich in den Texten über polyamore Beziehungen nicht wieder. Und dass ich zuverlässige Menschen an meiner Seite brauche, auf deren Unterstützung ich mich in diesen Verantwortlichkeiten verlassen kann, finde ich nicht bindungsabhängig, sondern selbstfürsorglich, dass ich mir diese Verantwortungen nicht alleine aufbürde(n kann). Ich finde Verlustangst an dieser Stelle nicht eifersüchtig, sondern existenzsichernd. Wie hast du solche Existenzfragen in den 10 Jahren polyamore Beziehung klären können?

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  2. Silke Maschinger
    21. November 2013

    Was für ein Quatsch. Weil Menschen untreu werden, soll man die Monogamie abschaffen? Das wäre, als würde man die Führerscheinprüfung abschaffen, weil doch immer wieder Menschen über rote Ampeln fahren oder sich nicht an die Regeln halten.
    Das ist kein überzeugendes Argument.

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  3. roseanna
    21. November 2013

    Übrigens sind das Gänse, keine Schwäne auf dem Bild oben. *anmerk*

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    • Jürgen Christ
      21. November 2013

      🙂 Danke für den Hinweis. Wir lernen gerne dazu. Die armen Schwäne, des wilden vögelns verdächtigt. Sind Gänse im übrigen treu?

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  4. Viktor Leberecht
    21. November 2013

    Liebe Silke Maschinger,

    vielen Dank für Ihren Kommentar. Ich wundere mich allerdings, dass Sie anscheinend aus meinem Artikel herauslesen, ich wolle die Monogamie abschaffen.
    Ich denke nicht, dass dies im Artikel steht, auch nicht zwischen den Zeilen, es steht auch nirgends auf meinen Webseiten.
    Ich sage auf meinen Webseiten immer wieder, dass es beides geben kann und jede und jeder selbst herausfinden müsse, was er/sie will.

    Beste Grüße, Viktor Leberecht

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  5. Viktor Leberecht
    21. November 2013

    Liebe Rosanna,

    vielen Dank für ihren Kommentar.

    Sie haben natürlich recht, dass ein Leben aus mehr als Liebes- und Sexual Beziehungen besteht. Mit den von Ihnen angeschnittenen Fragen könnte man ein ganzes Buch füllen, oder wenigstens ein Kapitel 🙂

    In vielen Texten zur Polyamorie – Büchern und Artikeln – werden diese Fragen thematisiert. Sie finden in den diversen von mir empfohlenen Webseiten und Artikeln einiges dazu. Schauen Sie mal z.b. auf Polygamie ist gut für Sie unter den Artikelserien, da gibt es diverse Rubriken, die vielleicht für Sie interessant sind. Insbesondere das Thema Kinder wird viel besprochen und untersucht, denn da fragen viele sich, ob das mit Kindern funktioniert.

    Aus meiner persönlichen Erfahrung kann ich sagen, dass es bei
    Polyamorie wie bei jeder Beziehungsform ist: man versucht sein Bestes, seine diversen Rollen und Interessen zu vereinen. Bei mir sind das ein Vollzeitjob, mein Privatleben mit Liebe, Familie, Freunden, Haushalt und private Bürokratie, und dann mein nebenberufliches Engagement als Viktor Leberecht, das ich igrgendwie abends und am Wochenende unterbringe. Patentrezepte habe ich nicht.

    Beste Grüße, Viktor Leberecht

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  6. Silke Maschinger
    22. November 2013

    Hallo Herr Leberecht!

    Gut, meine Formulierung war etwas scharf. Aber sie schlagen doch vor, die sexuelle Treue in Frage zu stellen, weil der Anspruch daran bzw. das Misslingen der Hauptgrund für Trennungen sei.
    Die Frage ist doch viel eher: warum gehen Menschen fremd? Weil sie es „brauchen“ oder weil es ein Symptom für ganz andere Konflikte ist?
    Ich habe auch nichts gegen Polyamorie, aber sie als Lösung anzubieten, weil sexuelle Treue so häufig ein Trennungsgrund ist, das halte ich für falsch.

    Und man kann sich übrigens auch als sexuell treues Paar sehr gut kennenlernen sein und sich weiterentwickeln. Auch das ist nicht an Polyamorie gebunden, was ihre Aussage impliziert.

    Ich verfolge das Thema Polyamorie schon länger, und kritisiere jeweils nur die Argumentationsstrategie, nicht das Modell an sich. Aber vielleicht liegt es in der Natur der Sache, dass neue Lebensmodelle sich häufig gegenüber der Gesellschaft rechtfertigen müssen, um zu erklären, warum sie so sind, wie sie sind. Das „Normale“ wird als selbstverständlich vorausgesetzt.

    Silke Maschinger

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  7. roseanna
    23. November 2013

    Hallo Jürgen, laut Wikipedia sind Gänse monogam – über Schwäne sagt Wikipedia, dass Partnerschaften ewig halten, dies bezogen auf Brutparnterschaften, also gemeinsam Eltern sein, und sie sind wohl eher Einzelgänger. Wie sie ihren Sex teilen, steht da nicht. Aber Wikipedia hat ja auch nicht immer das Wahre… 🙂 *gack*

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    • Jürgen Christ
      25. November 2013

      ich war ebenso überrascht wie Du, dass Schwäne nicht monogam sein können, weilte ich doch selber so sehr in der veralteten Vorstellung. Aber die Wissenschaft scheint offener als unsere romantische Wunschvorstellung zu sein, oder, Viktor?

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  8. Viktor Leberecht
    23. November 2013

    Hall Roseanna und Jürgen,

    soweit ich weiß, gehören Schwäne wie die meisten Tiere, zu den sozial monogamen Tieren, d.h. sie leben für längere Zeit oder sogar für immer zusammen, aber sie haben Sex auch außerhalb ihrer Dauerbeziehung. Dazu ein Auszug aus einem meiner Artikel http://viktor-leberecht.de/vielleicht-ist-monogamie-widernatuerlich/

    „Sexuelle Monogamie ist tatsächlich die ganz große Ausnahme. Genetische Untersuchungen haben bewiesen, dass sexuelle Monogamie im Tierreich so gut wie gar nicht vorkommt. Als einer der ersten sammelte Professor David Barash die Erkenntisse zur sexuellen Untreue bei Tieren und Menschen in seinem 2001 veröffentlichten Buch The Myth of Monogamy: Fidelity and Infidelity in Animals and People. Wie Barash es ausdrückte, müssen man, um Monogamie zu finden, in den Ecken und Winkeln des Tierreichs suchen, wie beispielsweise bei der madagassischen Riesen-Spring-Ratte.“

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  9. Viktor Leberecht
    24. November 2013

    Hallo Frau Maschinger,

    Danke, dass Sie sich die Zeit für eine ausführliche Antwort genommen haben. Das Thema scheint oft sehr emotionale Reaktionen hervorzurufen. Mein Eindruck ist, dass viele Menschen sich in Ihrem Lebensmodell persönlich angegriffen fühlen, wenn die Worte Polygamie oder Polyamorie fallen. Mich würde interessieren, was bei Ihnen der Auslöser war.

    Ich sehe mit Verlaub meinen Ansatz etwas anders, als Sie ihn zu verstehen scheinen. Wenn ich Sie richtig verstehe – bitte korrigieren Sie mich ggf. – gehen Sie von sexueller Monogamie als einem für Menschen passenden und vielleicht sogar dem besten Modell aus. Ich sehe das anders.
    Zuerst einmal war sexuelle Monogamie noch nie die einzige Lebensform von Menschen. Rein entwicklungsgeschichtlich gab es soweit wir es nachvollziehen können, promiskuitive Lebensweisen seit Millionen von Jahren bei unseren Vorfahren. Die Monogamie scheint erst vor ca 6000 Jahren gemeinsam mit auf Besitz ausgerichteten Gesellschaften entstanden zu sein, die auf Viehhaltung und/oder Ackerbau beruhten, wobei dann auch die Frauen zum Besitz wurden (siehe zehn Gebote).
    Für unsere Zeit hat die Anthropologie hat herausgefunden, dass aktuell nur eine von sechs menschlichen Gesellschaften die Monogamie zur Regel erhebt, also rein was die Zahl der Gesellschaften angeht, sind polygame oder offen Promiskuität lebende Gesellschaften auch heute in der Mehrzahl.
    Und in den monogamen Gesellschaften hat nach diversen Studien die Monogamie noch nie als Modell für dauerhafte Beziehungen funktioniert, unter der monogamen Oberfläche wurde und wird immer „fremdgevögelt“.

    Das sowie die Scheidungszahlen und Scheidungsgründe führt mich dann einfach zu dem Schluss, dass für die meisten Menschen sexuelle Monogamie als Lebensweise für dauerhafte Beziehungen nicht funktioniert.

    Ich halte schlichtweg nichts davon, wenn Menschen gezwungen werden/sich zwingen, Lebensentwürfe umzusetzen, die ihnen so offensichtlich nicht entsprechen.

    Ich weiß, dass es Menschen gibt, für die Monogamie funktioniert, sei es zeitweise, sei es auf Dauer, aber wir Menschen/unsere Gesellschaft täte sich einen Gefallen, wenn sie mehr Lebensentwürfe zuließe.

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  10. Viktor Leberecht
    24. November 2013
  11. Alex
    25. November 2013

    Am Freitagabend lief im Frauen-Sender Sixx die Sendung von Paula zum Thema „Polyamorie“ – aus der Sicht einer Frau. Ende 40. Habt ihr das gesehen?

    Antworten

  12. roseanna
    25. November 2013

    Hallo Jürgen, ich war gar nicht überrascht, ob Schwäne monogam sind oder nicht, es ist mir eigentlich ziemlich wurscht, was andere Spezies machen. Als Maßstab für mein Handeln versuche ich Respekt und Wertschätzung allen Seinsformen gegenüber umzusetzen, was mir gerade bei bestimmten Insekten oder so nicht immer leicht fällt 😉 Ich will mein Leben so auf die Reihe kriegen, dass ich authentisch bin, und da helfen mir mono- oder polygame Andere nicht wirklich weiter.
    Mit euch Menschen kann ich Erfahrungen, Wahrnehmungen und Perspektiven austauschen, das freut mich viel mehr (und noch dazu Körperkontakte, aber darüber rede ich gerade nicht).
    Viele Grüße und allen eine gute Woche,
    roseanna

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  13. Viktor Leberecht
    25. November 2013

    Die Informationen zu Schwänen usw waren in dem ersten nachgereichten Link bzw der dort zitierten Studie enthalten. Hier nochmal http://polygamie-ist-gut-fuer-sie.de/monogamie-ist-der-polyamorie-und-polygamie-nicht-uberlegen-studie-conley-et-al-university-of-michigan/

    Antworten

  14. Silke Maschinger
    25. November 2013

    Hallo Herr Leberecht!

    Wenn jemand zu mir sagt: Ich lebe poly, weil das mir entspricht. Dann finde ich das absolut in Ordnung und kritisiere das nicht.

    Ich mag nur diese Argumentationen nicht: Vergleiche mit der Tierwelt, anderen Kulturen, Geschichte etc.
    Das ist für mich so, als würde man Homosexualität rechtfertigen, weil das ja bei den Tieren auch vorkommt, und ausserdem schon die alten Griechen….

    Die Menschen sind homo, bi, hetero, poly oder mono, weil es ihnen guttut, weil es ihre Persönlichkeit ausmacht, weil sie es ausprobieren wollen, was auch immer. Aber nicht, weil Tiere oder andere Gesellschaften das auch so machen.

    Das ist alles.
    Silke Maschinger

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  15. Viktor Leberecht
    26. November 2013

    Hallo Frau Maschinger,

    wie mir scheint, liegen wir gar nicht so weit auseinander.

    Ich sehe es genauso, dass es völlig ausreicht, dass ein Mensch auf eine bestimmte Weise leben will. Solange er/sie damit anderen keinen Schaden zufügt, sollte es erlaubt sein: http://viktor-leberecht.de/polygamie/thesen-zu-polygamie-und-monogamie/these-1/

    Ich halte es aber auch für wichtig, sich damit zu befassen, weshalb wir denn eigentlich – irrtümlich – glauben, Monogamie sei die beste oder gar einzig natürliche Form des Zusammenlebens und warum es so offensichtlich nicht funktioniert. Eben deshalb meine diversen Artikel zu den Hintergründen.

    Beste Grüße, Viktor

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