Selbstbetrug mit Internet-Singlebörsen und Kontaktanzeigen?

Foto: Jorma Bork, pixelio.de

Wer sehnt sich nicht nach einer erfüllten Partnerschaft? Singles, die einen Partner suchen, finden in den Kontaktanzeigen in Zeitschriften, über Partnervermittlungsagenturen und Internet-Singlebörsen scheinbar die ideale Lösung. Ein Mangel an Zeit, sei es durch Beruf oder Kinder, ist dabei häufig das Hauptargument für diesen gewählten Weg.

Oder die vielen technischen Möglichkeiten, die eine Hoffnung schüren, den idealen Partner zu finden. Dabei entpuppen wir uns selber häufig als Lügner und Selbstbetrüger, ohne es zu merken (ich spreche aus meiner Erfahrung). Sowohl Suchende als auch die, die darauf antworten. Selbst dann, wenn die kommerziellen Anbieter sich redliche Mühe geben, ihr Geschäft seriös zu gestalten. Sie sind aber nichts anderes als Verkäufer von Träumen. Wie Filmregisseure oder Schriftsteller von Liebesromanen. Und wir sind die Menschen, die ihr Glück im Äußeren suchen, oder?

Vorweihnachtszeit und romantische Melancholie

Wenn wir uns Profile in den Internet-Singlebörsen anschauen, bestehend aus wichtigen Fragestellungen wie „Wie soll mein Traumpartner aussehen?“ oder ausgeklügelten – von Psychologen entwickelten – Persönlichkeitstests, sind es kritisch betrachtet Verführer zur Lüge und zum Selbstbetrug, was nicht bedeutet, dass die Angebote schlecht beziehungsweise unseriös sind. Im Grunde genommen bedürfen aber nicht die Tests eines genaueren Hinsehen, sondern die Angebote der Suchenden – vor allem in der Vorweihnachtszeit, wenn Romantik und Melancholie Hochkonjunktur haben:

Wer annonciert und vor allem warum? Welche Menschen sind das? Was steckt dahinter?

  • aus Angst, nicht alleine sein zu können, manchmal sogar aus der Not des „Verlassen seins„,
  • aus Wut und Frust auf den oder die Ex,
  • aus Angst vor fester Bindung, lieber einen Menschen auf Abstand halten, per E-Mail, ohne das Bedürfnis nach tatsächlicher echter Nähe,
  • die ständige Suche nach Selbstbestätigung, Anerkennung oder gar Bewunderung,
  • gesellschaftlicher Druck durch Freunde, Eltern, Kollegen, Arbeitgeber,
  • aus romantisch verklärten Gründen, der Suche nach dem Traumprinzen oder nach der Traumprinzessin – ja, selbst noch mit 40plus,
  • aus krankhaften Gründen, Sucht wie nach Abhängigkeitsbeziehungen und Sex, die Sucht nach altem Schmerz und Verletzung,
  • aus Einsicht, aber therapeutischen Gründen, um alten Schmerz mit dem neuen Partner zu überwinden,
  • aus scheinbarer „Notgeilheit“, die eher dem verzweifelten Versuch von körperlicher Nähe entspricht,
  • aus Liebe für den oder die Ex, mit der Hoffnung mit dem neuen Partner das alte, negative aus der Beziehung zu überwinden,
  • aus Geldnot oder anderweitigen materialistischen Dingen,
  • … aus einer Einsamkeit mit dem Wunsch nach Zweisamkeit und der Hoffnung auf diesem Wege den richtigen Partner zu finden.

Geldbeutel und Seele leer

Würde ich eine Umfrage starten, würden vermutlich die meisten Teilnehmer an der Umfrage den letzten Punkt ankreuzen – und sich in der Realität anders verhalten. Zwischen unserem Wunschdenken und der Realität klaffen im Zeitalter von Virtualisierung und Internet immer größere Lücken, die scheinbar durch Konsum geschlossen werden. Liebe hat sich zum kommerziellen Produkt entwickelt. Ob durch den „Markt der Single-Börsen“, Ersatzbefriedigung und trügerische Hoffnungen wie so manchem esoterischen Workshop, der Heilung und Liebe verspricht. Die Virtualität – das Nicht-Vorhandene – weckt unsere tiefsten Wünsche und Bedürfnisse und gibt uns für wenige Minuten eine Hoffnung und Befriedigung, auch wenn der Geldbeutel dabei so leer wird wie unsere Seele.

Erwachsen werden mit dem lieben Christkind

Was ist aber, wenn wir bei uns selbst anfangen? Dabei lernen, uns wieder an Urbedürfnisse zu besinnen? Schauen, was wir brauchen, nicht das, was wir scheinbar wollen? Wenn wir bewusst leben, statt virtuell von Maschinen abhängig zu werden – wie im Internet? Die Angst vor der Nähe überwinden, uns einlassen und wieder loslassen können, wenn es nicht das ist, was wir brauchen? Auf Kontaktanzeigen verzichten, um im Alltag die Augen offen zu halten. Auch wenn uns die Bilder im Hirn manchmal einen Streich spielen, uns eher an den Schönheitsidealen und Wunschzetteln fest klammern, statt die Liebe zu spüren, die uns Menschen geben können, die scheinbar – auf den ersten Blick – nicht unserem Geschmack (oder dem, der Freundinnen und Freunde) entsprechen? Was wäre, wenn wir in unsere Seele schauen und alten Beziehungsschmerz – oder den, den wir vielleicht durch unsere Eltern kennen – nicht mehr in Beziehungen tragen würden, unseren Partnern Vorwürfe machen? Was tut mehr weh? Sich eine Auszeit für sich selbst zu gönnen, um alten Ballast abzuwerfen, seelisch aufzuräumen – oder 20 Euro monatlich zu opfern, um den idealen Partner zu finden? Die, denen es finanziell an nichts mangelt, werden sich vielleicht für den zweiten Punkt entscheiden. Mit allen Konsequenzen. Sie werden stets kontrollieren und manipulieren; Argument: Hauptsache, mein Geld ist gut investiert. So lange, wie sie glauben, dass es funktioniert und bis sie so leiden, weil sie feststellen, dass ihr Kartenhaus und ihre Lebenslüge zusammen gefallen ist. Wie die Lüge vom Christkind, dem wir viele Jahre die Wunschzettel geschickt haben, bis wir gemerkt haben, dass er bei unseren Eltern gelandet ist, denen wir teilweise noch heute ihre Wünsche erfüllen; auch wenn sie längst tot oder so alt sind, dass sie es längst vergessen haben. Er-wachsen werden bedeutet wohl nicht so zu tun, als seien wir erwachsen, sondern wachsen Tag für Tag zu leben, ob mit 30, 40 oder 60 Menschenjahren.

Frohe Advents- und Feiertage!

Aktualisierung des Artikels: 29. Oktober 2012

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