Bindungsangst: Was ist das, wie zeigt sie sich?
Menschen brauchen eine liebevolle, vertraute Beziehung. Welcher Mensch lebt schon gern allein? Wer liebt und geliebt wird, lebt gesünder und glücklicher, wie eine aktuelle Umfrage im Auftrag der Deutschen Post für den Deutschen Glücksatlas ergab. Demnach findet sich auf Platz zwei der Glücksbringer die Partnerschaft. Wer in einer festen Beziehung lebt oder verheiratet ist, fühlt sich glücklicher.
“Komm mir nahe, aber bleib mir fern”
Doch gibt es Menschen, die intensive Nähe in einer vertrauten, dauerhaften Beziehung nicht aushalten können. Sie reagieren nach anfänglicher Verliebtheit ängstlicher oder regelrecht panisch – für den Partner meist völlig unverständlich und unerwartet. Diese Menschen haben Bindungsangst – ein Problem mit Nähe und Distanz, obwohl sie sich innerlich eine feste Beziehung wünschen. Ihnen fehlt letztendlich die Bindung zu sich selbst.
Bei zu viel Nähe flüchten Sie sich beispielweise in Arbeit, halten Verabredungen nicht mehr ein, legen sich ungern fest und eiern rum, zetteln grundlos immer wieder Streit an, gehen häufig fremd oder verweigern Sexualität – oder wandern von einer Beziehung zur nächsten. Sie brechen ausgerechnet dann spontan ab, wenn es am schönsten für die Partner und die Beziehung wird. Die Gesichter der Bindungsangst sind vielfältig und mitunter erschreckend, wie sie die Psychotherapeutin und Buchautorin Stefanie Stahl in ihrem Buch “Jein! Bindungsängste erkennen und bewältigen” beschreibt.
Teilweise erschreckende Gefühlskälte
Manche dieser bindungsängstlichen Partner sind gar so gefühlskalt, dass sie ihrem Partner mit inniger Überzeugung alles Gute wünschen, wenn er sie verlassen muss, obwohl sie ihm nur wenige Stunden zuvor ein “Ich liebe Dich” ins Ohr geflüstert haben. “Verlassen muss”, weil sie oder er so aggressiv wurden, dass dem Partner keine andere Wahlmöglichkeit mehr blieb. Sie, die bindungsängstlichen Partner, verhalten sich manchmal so erschreckend gleichgültig, wenn es um Liebe und tiefere Bindung geht, dass ihre Partner verzweifelt, voller Traurigkeit und Wut sind.
Bindungsphobiker: Verwirrende Sprache
Neben den vielen Gesichtern der Bindungsphobiker ist auch ihre Sprache eher verwirrend, vor allem für den Partner: “Jein”, statt ein klares “Ja” oder “Nein”, mehr ein “wenn” und “aber”, statt entschieden für die Beziehung zu ihrem Partner einzutreten. Manche Gefühle – wie Liebe – werden regelrecht zerredet und ausdiskutiert. Sie wollen und können einfach keine Verantwortung für ihre eigenen Gefühle, ihr eigenes Handeln und die Beziehung übernehmen. Voreilig geben sie lieber ihrem Partner – oder Ex-Partnern – die Schuld für (alten) Schmerz und andere Gefühle, die sie als unangenehm empfinden. Und verschaffen sich somit weitere Distanz, um wieder “Luft holen zu können”.
Definition
Als Bindungsangst bezeichnet man eine nachhaltige Angst, längerfristige enge Bindungen zu Partnern einzugehen. Sie ist eine der psychischen Eigenschaften, die zu Schwierigkeiten führen, stabile Beziehungen zu anderen Menschen, vor allem zu Lebenspartnern, aufzubauen.
Ursachen sind meist der Verlust einer Bezugsperson, der unerfüllte Wunsch nach Nähe und Geborgenheit im Kindesalter oder Konflikte der Eltern. In diesen Fällen wird der Wunsch nach einer engen, vertrauten Beziehung später oft abgewehrt, da er mit besonderer Angst verbunden ist. Bindungsangst kann sich in mangelndem Verantwortungsbewusstsein gegenüber Familie und Freunden äußern und zu einem introvertierten Lebensstil führen. Sie wird oft als typisch männliche Eigenschaft empfunden, tritt tatsächlich aber bei beiden Geschlechtern auf.
Quelle: Wikipedia
Bindungsängstliche Menschen nutzen drei Strategien, die Menschen bei Angst einsetzen: Sie flüchten, greifen an – oder sie stellen sich tot. Und sie verhalten sich vor allem aggressiv.
So kann es in einer Beziehung passieren, dass bei einer bindungsängstliche Partnerin die innere Bindung zu ihrem Partner nach drei Tagen Abwesenheit – innerlich – gänzlich abreißt (“Aus den Augen aus dem Sinn”, Gefühlsabspaltung -> Dissoziation). Oder er jedes “Haar in der Suppe” sucht, um einen Streit anzuzetteln. So schreibt beispielsweise eine Betroffene in einem privaten Forum für Bindungsängstliche, wie sie sich darüber erschreckt, dass sie manchmal vormittags ihren Freund noch innig liebt und ihn nachmittags unbedingt verlassen möchte.
Das Verhältnis von bindungsängstlichen Menschen zu Bindungsfähigkeit ist offenbar gestört. Bei manchen sogar so stark gestört, dass sie gänzlich auf Beziehungen verzichten (siehe auch nachfolgenden Kasten). “Hauptmerkmale der Bindungslosigkeit sind die Neigung zur Eigenbrötelei, Wegfall des sozialen Verantwortungsgefühls für relevante Sozialpartner, z. B. für die Familie, die Ersatzfamilie oder das Heim, und die Neigung zum schnellen Wechsel der sozialen Hauptbezugspersonen, zu denen allerdings auch nur flüchtige und kurzzeitige Kontakte bestehen.”, so Wikipedia. Nicht selten suchen sich Bindungsängstliche eine Fremdfamilie, in der sie sich einnisten können – weil sie dort keinerlei Verantwortung übernehmen müssen.
Welche Bindungsstile beziehungsweise Bindungsstörungen existieren überhaupt? Es gibt zwei wichtige Untersuchungen zum Bindungsverhalten:
Bindungsstile / Bindungsstörungen
nach Kim Bartholomew
1. die sichere Bindung
2. die anklammernde Bindung
3. die ängstlich-vermeidende Bindung
4. die gleichgültig-vermeidende Bindung
Stefanie Stahl bezieht sich in ihrem Buch “Jein!” auf diese Bindungsstile beziehungsweise Bindungsstörungen.
Bindungsstile / Bindungsstörungen
nach John Bowlby, Mary Ainsworth
1. die sichere Bindung
2. die unsicher-ambilvalente Bindung
3. die unsicher-vermeidende Bindung
4. die unsicher-desorganisierte Bindung
Vergleiche auch “Psychologie Heute”, Ausgabe Oktober 2011:
“Sexualität: Angst vor zu viel Nähe”, auf Seite 52.
Bindungsangst sollte nicht mit einem gesunden Misstrauen und der inneren Vorsicht vor einer neuen, festeren Beziehung verwechselt werden. Gerade Menschen mit vermeidendem oder gleichgültigem Bindungsstil durchleben bei zu viel Nähe massive Ängste, die sie sogar als lebensbedrohlich empfinden.
Die “betrogenen” Partner
Es sind vor allem die Partner, die darunter leiden müssen. Sie erhalten gerade so viel Liebe und Zuneigung, um die Beziehung nicht zu verlassen, aber niemals soviel, wie sie es in einer gesunden Liebesbeziehung brauchen und sich wünschen. Sie sind eher verwirrt, wenn nach einer anfänglich sehr nahen und vertrauten Phase der bindungsängstliche Partner ausschert, die enge Bindung meidet und seine Strategien von Flucht, Angriff oder “sich tot stellen” einsetzt.
Eine sehr leidvolle Kombination ergibt sich, wenn der Partner eines bindungsängstlichen Menschen zur Beziehungsabhängigkeit (“Beziehungssucht”) neigt. Er verharrt dann, manchmal sogar mehrere Jahre, in einer für beide Partner destruktiven Beziehung, die zahlreiche Konflikte produziert – und viel (neuen) Schmerz erzeugt.
Da bindungsängstliche Menschen quasi immer wieder neu erobert werden müssen, empfinden ihre Partner die Beziehung als leidenschaftlich, selbst noch nach Jahren. Manche Partner idealisieren sie gar: “Die größte Liebe meines Lebens”, “Der beste Sex, den ich je mit einer Frau hatte”.
Wer passt zu wem?
Idealerweise finden sich zwei Menschen, die ein sicheres Bindungsverhalten aufweisen. Dem ist bei bindungsgestörten Menschen offenbar nicht so. Defizite ziehen Defizite regelrecht an, ob ähnliche oder vollkommen gegensätzliche, wie wir noch in unserem Spezialartikel “Beziehungsabhängigkeit” und “Narzissmus” zeigen werden.
“Der Partner als Spiegelbild“
Demnach sind unsere Beziehungen kein Zufall: Wir ziehen genau die Partner an, die zu unseren eigenen psychischen Strukturen passen. Viele Menschen haben in ihrer Kindheit irgendein Drama erlebt, welches schmerzhafte Eindrücke in ihrer Psyche hinterlassen hat. Da sie es damals nicht verarbeiten konnten, haben sie es verdrängt. Doch gerade Verdrängtes beeinflusst aus dem Unbewussten heraus unsere Gedanken, Gefühle und Handlungen – so lange, bis das einstige Geschehen wieder gefühlt und integriert worden ist. In der Regel sind verdrängte Inhalte aber auch noch für Erwachsene so beängstigend, dass sich Widerstände gegen eine Bewusstmachung regen. Eine Form dieser Abwehr ist die Projektion. Die verdrängten Anteile werden hierbei nach außen projiziert. Das bedeutet: Wir können einige unserer – vor allem ungeliebten – Anteile nicht wahrnehmen, sondern wir “entdecken” diese vielmehr bei einem anderen Menschen. Womöglich empören wir uns über dessen Verhalten – vollkommen blind dafür, dass uns gerade jene Eigenschaft selbst zu Eigen ist. Als “Leinwand” für solche Projektionen eignet sich besonders der Partner in einer Paarbeziehung. Von daher könnte jeder Partner in seiner Spiegelfunktion sehr zu unserer Selbsterkenntnis beitragen.
… und wir ihm oder ihr dafür dankbar sein!
So treten bei Menschen verschiedene Konstellationen von gesunden oder gestörten Partnerschaften auf, die wir in unserem E-Book “Die kleine Liebesfibel” in Kapitel 5 “Feste Bindung: Zufriedene Partnerschaft”, Seite 43, zusammen getragen haben. Darin weisen wir auf die Studie der beiden Bochumer Psychologen Professor Hans Werner Bierhoff und Dr. Elke Rohmann hin, die die Bindungstheorien von Bartholomew/Bowly/Ainsworth kombinieren und untersuchten, wer mit wem am besten kann.
Auszug aus “Die kleine Liebesfibel” zum Bindungsverhalten nach Bierhoff/Rohmann:
Die Bochumer Psychologen Professor Hans Werner Bierhoff und Dr. Elke Rohmann unterscheiden
vier Persönlichkeitstypen:
Menschen mit einem sicheren Bindungsstil, die Nähe zulassen können und eine Partnerschaft als emotional unterstützend empfinden. Menschen mit ängstlich-ambivalentem Bindungsstil dagegen fühlten sich zu ihrem Partner zwar stark hingezogen, seien aufgrund ihrer Angst um die Dauerhaftigkeit der Beziehung jedoch verunsichert. Angst vor Intimität prägt Menschen mit ängstlich-vermeidendem Bindungsstil, sie scheuen tiefer gehende soziale Beziehungen, schreiben Bierhoff und Rohmann. Auf einen gleichgültig-vermeidenden Bindungsstil lässt das Betonen der eigenen Autonomie, das Vermeiden von großer Vertrautheit oder Nähe in der Partnerschaft schließen: Solche Menschen empfinden keine starke emotionale Abhängigkeit von ihrem Partner, so die Psychologen.
Frauen bleiben eher in der Beziehung, wenn sie ängstlich-ambivalent sind, und Männer, wenn sie vermeidend sind, schlussfolgern die beiden Beziehungsforscher, Frauen verlassen eher die Beziehung, wenn sie vermeidend sind, Männer wenn sie ängstlich-ambivalent sind. Menschen mit geringerem Selbstwertgefühl würden sich an eher abweisende Partner klammern. Eine leidvolle Kombination.
Eine unsichere Bindung hängt eher mit geringerer partnerschaftlicher Zufriedenheit und mit größerer Instabilität der Beziehung zusammen, meinen Hans Werner Bierhoff und Elke Rohmann. Mit Konflikten wird eher destruktiv statt konstruktiv umgegangen; es kommt zu Konflikteskalationen, und Streitigkeiten sind relativ häufig.
Die beiden Psychologen empfehlen:
Es ist sinnvoll, bei der Partnerwahl nach verlässlichen und unterstützenden Personen zu suchen. Immerhin seien mehr als 50 Prozent der Partner durch einen sicheren Bindungsstil gekennzeichnet.
Bindungsangst: Erkennen und heilen?
Ich nutze an dieser Stelle bewusst das Fragezeichen. Denn die Antwort möchte ich unserer Expertin und Interviewpartnerin Stefanie Stahl überlassen.
Zunächst einmal ist es wichtig, Bindungsangst als solche zu erkennen. Den Begriff Therapie habe ich an dieser Stelle erst einmal vermieden, da Menschen dabei sofort an “krank sein” oder “psychisch gestört” denken und sich vielleicht dafür schämen. Wer sich allerdings eine gesunde, stabile und zufriedene Beziehung wünscht, aber dennoch Probleme hat, kann sich auch zunächst einmal – ohne Arzt – in zwei Online-Foren umschauen und prüfen, ob er sich mit einzelnen Erfahrungen von Betroffenen identifizieren kann: Forum bei Nexusboard, Forum bei Psychic.de.
Selbstheilung oder Therapie?
Professionelle Heilung oder Linderung leistet allerdings nur ein Psychotherapeut, ob ambulant, ein oder zwei Male stundenweise in der Woche, oder stationär (siehe Fachkliniken in unserer Link-Liste). Da erfahrene und daher gefragte Psychotherapeuten, deren Honorare von der Krankenkasse getragen werden, oft über lange Zeit, vielleicht sogar Jahre, ausgebucht sind, empfiehlt sich in akuter Not auch mal ein privater Therapeut (etwa 60 bis 90 Euro je Stunde).
Von Selbstheilungsversuchen sei unbedingt abzuraten, wenn massive Probleme aus der Bindungsangst entstanden sind, beispielsweise drohender Verlust des Partners oder des Arbeitsplatzes, ein ständiger Wiederholungszwang auftritt, unter dem die Betroffenen akut sehr leiden – bis hin zu Suizidgedanken. So krass es klingt: Selbsteinweisung in eine geschlossene Psychatrie vor Schutz durch Suizid ist nicht selten, auch wenn es die eigenen Kinder machen. Schutz vor sich selbst, den eigenen “kranken” Gedanken.
Bei Psychotherapeuten, die von den Kassen bezahlt werden, sind fünf Probestunden frei, um zu schauen, ob zwischen Klient und Therapeut “die Chemie stimmt” und sich eine vertrauensvolle Beziehung aufbauen lässt. Die oben genannten Fachkliniken werden sowohl von regionalen Krankenkassen oder – bei Erwerbsunfähigkeit – als Reha-Maßnahme auch bundesweit durch die Deutsche Rentenversicherung belegt. Die Antragsformulare gibt es dort – oder auch bei Ihrer Krankenkasse.
Persönlichkeitsstörungen als Ursache
Wenn auch nicht in allen Fällen eine vollständige Heilung möglich ist, weil beispielsweise die Betroffenen regelrecht therapietresistent sind, so ist zumindest Linderung mit einer Reihe von bewährten psychotherapeutischen und begleitenden Maßnahmen möglich – wie beispielsweise einer Gestalt- und Körpertherapie, u.a. mit Yoga, Klänge/Musik, Tanz, Theater, Atemtherapie, Meditation.
Hinter Bindungsängsten, die nicht als losgelöste Störung betrachtet werden, verbergen sich nämlich einfache oder auch sehr komplexe, kombinierte Persönlichkeitsstörungen wie beispielsweise die passiv-aggressive Persönlichkeitsstörung, ängstlich-vermeidende Persönlichkeitsstörung, narzisstische Persönlichkeitsstörung, Borderline-Persönlichkeitsstörung, multiple Persönlichkeitsstörung, abhängige Persönlichkeitsstörung oder eine schizotypische Persönlichkeitsstörung.
“Aussöhnung mit dem inneren Kind”
Wichtig ist nur, dass Betroffene lernen, zunächst eine innere und dann äußere Bindung zu schaffen, beispielsweise mit der Methode des “Bonding” und/oder “Inner bonding”, auch als “Aussöhnung mit dem inneren Kind” bekannt, dass sie lernen, soziale Kontakte zu schaffen und zu pflegen, Konflikte zu bewältigen, Vertrauen zu sich selbst und damit zu ihren Mitmenschen aufzubauen – und vor allem ihren Selbstwert schätzen zu lernen. Was sich in der Praxis jedoch immer wieder zeigt: es bringt kaum etwas, wenn Betroffene eine Therapie ihrem Partner zu liebe machen oder sich von ihm dazu überreden lassen. Der Leidensdruck muss manchmal schon sehr hoch sein, bevor Betroffene den Weg von sich aus zu einem Psychotherapeuten finden.
Weiter geht es in unserer Serie über “Bindungsangst” mit einem 12-teiligen Interview mit Stefanie Stahl, das jeweils drei Mal wöchentlich erscheint.
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