Beziehungssucht: Was kann ich selbst dagegen tun?

Was kann man tun, um seine seelischen Strukturen zu verändern, damit man zu einer glücklichen Beziehung fähig ist?

bild-159.jpgDr. Barbara Kiesling: Der Erwachsene hat kaum Möglichkeiten, seine seelischen Strukturen ohne Fremdhilfe zu beeinflussen. Sie sind weitgehend durch unsere Kindheitserlebnisse festgelegt. Der bekannte Neurobiologe Joachim Bauer erklärt, dass sämtliche Erfahrungen, die der Säugling durch seine Mutterfigur macht, vom Gehirn in bioelektrische Impulse umgewandelt und eingespeichert werden. Dies führt zur Entstehung von Nervenzell-Verknüpfungen, sogenannten Synapsen. Die „Konstruktion“ der Nervenzell-Netzwerke hängt also von den Erfahrungen, insbesondere von den Beziehungserfahrungen ab. Durch diese Vorgaben wird im Verlaufe der Kindheit im Gehirn ein Programm aufgebaut, nach dem der Mensch später seine eigenen zwischenmenschlichen Beziehungen gestaltet. Das Erleben und Verhalten in seinen Beziehungen folgt also überwiegend einem früh angelegten, automatisch angewandten Programm.

Verantwortung für sich selbst

Bei einer Häufung bedrohlicher Erfahrungen in der Kindheit bilden sich die neuronalen Netzwerke in der Weise aus, dass künftige Situationen, die auch nur annähernd an das Zurückliegende erinnern, als bedrohlich interpretiert werden. Dementsprechend wird der betroffene Mensch zeitweilig mit heftigen Affekten reagieren, obwohl in der äußeren Situation vielleicht gar keine Veranlassung hierfür gegeben ist. Für Außenstehende sind jene unangemessenen Reaktionen völlig unverständlich. Solche Szenarien können wir in Misshandlungsbeziehungen beobachten. Für die Handelnden selbst erscheint das Verhalten rätselhaft. Sie können hinterher oft nicht sagen, weshalb sie so reagiert haben. Da ihnen die Erinnerung an die maßgeblichen Erfahrungen nicht mehr zugänglich ist, wissen sie nicht, dass ihr inneres Programm ein eigentlich harmloses Ereignis irrtümlich als Gefahr eingeschätzt hat. Die einst in ihrem Gehirn gespeicherten Vorstellungen und Bilder bleiben zeitlebens für das Erleben und das daraus hervorgehende Verhalten wirksam. Es sei denn, es erfolgt eine Korrektur durch therapeutische Maßnahmen. Dies ist möglich. Neurobiologen haben festgestellt, dass sich die Gehirnstrukturen durch eine Psychotherapie verändert haben. Auch durch stetige Meditation konnten erkennbare Veränderungen hervorgerufen werden. Wenn also jemand stets unglücklich in seinen Liebesbeziehungen ist, dann könnte er einen Therapeuten aufsuchen, um sich von diesem das geben zu lassen, was er als Kind entbehrt hat. Oder er beginnt konsequent mit dem Meditieren. Darin würde sich gleichzeitig auch die Verantwortungsübernahme für das eigene Leben spiegeln. Das ist eine erwachsene Haltung. Allein schon dadurch könnten Wandlungsprozesse im Leben dieses Menschen eintreten.


Lesen Sie im nächsten und letzten Teil unserer Serie zur ‚Beziehungssucht‘:

„Können sich Betroffene selber helfen, zum Beispiel durch Information oder durch das Lesen von Büchern? Oder ist immer eine Therapie notwendig?“

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