Beziehungssucht: Ungesunde Liebe?

Ist das überhaupt noch Liebe? Kann Liebe krank machen?

bild-159.jpgDr. Barbara Kiesling: Nein! Liebe kann nicht krank machen! Liebe ist die größte und schönste Kraft, die uns Menschen gegeben ist. Wie könnte sie krank machen? Im Gegenteil: Liebe heilt.  Liebe, so wie ich sie verstehe, ist nicht nur ein Gefühl. Es ist vielmehr ein Seinszustand. Im Englischen wird es deutlicher: „To be in Love“, also „in Liebe sein“.

Wer meint, durch einen Liebespartner krank geworden zu sein, befindet sich im Irrtum. Es gibt tatsächlich viele Liebesbeziehungen, die als „krank“ bezeichnet werden können. In diesen Fällen waren die Beteiligten jedoch schon vor dieser Beziehung „krank“. Mit „krank“ meine ich das Vorliegen einer Beeinträchtigung oder Einschränkung der normalen seelischen Funktionen. Das Wort „krank“ möchte ich allerdings vermeiden. Wer möchte schon gerne als seelisch krank bezeichnet werden? Und dennoch trifft dies zumindest für diejenigen zu, die in einer sogenannten Abhängigkeits- oder Misshandlungsbeziehung leben. In solchen Beziehungen kann es zu körperlichen Übergriffen kommen oder auch nicht. Kennzeichnend ist, dass sich die Partner gegenseitig verletzen und dennoch so aneinander hängen, dass sie sich nicht aus dieser Beziehung befreien können.

Keine  Frage von Schuld

Grundsätzlich lässt sich sagen: Wer in einer unbefriedigenden Beziehung lebt, sollte nicht dem Partner die Schuld an den Konflikten geben, auch wenn es sich durchaus so anfühlt, als sei dieser allein derjenige, der dem eigenen Glück im Wege steht. Doch sind es immer die eigenen Anteile, die maßgeblich dafür sind, ob wir in einer harmonischen oder in einer disharmonischen Beziehung leben. Unsere innere Welt bildet den Resonanzboden für unsere Partnerwahl. Das heißt, unsere seelischen Strukturen „entscheiden darüber“, welchem Menschen wir uns zuwenden. Ein Beispiel: Die Frau, die sich über die Trunksucht ihres Partners beklagt, trägt genauso wie er zu der unerträglichen Situation in der Beziehung bei. Auch wenn es zunächst von außen überhaupt nicht den Anschein hat und es eher so aussieht, als sei sie diejenige, die allein unter ihm leiden müsse.

Suchtmittel als Ersatz für Liebe

Begibt man sich auf tiefere Ebenen, wird man feststellen, dass beide ähnliche Strukturen haben: Es kann davon ausgegangen werden, dass die Frau eines Alkoholikers nur über ein geringes Selbstwertgefühl verfügt. Sie wird sich dann auch nicht selbst lieben können. Menschen, die sich selbst nicht als wertvoll erleben und sich nicht lieben können, sind dann aber auch nicht in der Lage, einen anderen als wertvoll zu erleben und ihn zu lieben. Das sind tragische Umstände, die infolge von Entbehrungen und Traumatisierungen in ihrer Kindheit entstanden sind. Der Partner einer solchen Frau leidet aber darunter, nicht geliebt zu werden. Er hat auch ein Selbstwertproblem. Auch er ist in seiner Liebesfähigkeit eingeschränkt. Das Leid, welches damit einhergeht, ist für Menschen bei klarem Bewusstsein offenbar nur schwer auszuhalten. Manche suchen dann Entlastung in Suchtmitteln; andere suchen diese Entlastung bei einem Partner. Bei den unterschiedlichen Ausdrucksformen handelt es sich lediglich um zwei Seiten derselben Münze. Insofern passen die beiden gut zueinander.

Eine liebesfähige Frau hat andere seelische Strukturen als eine „Co-Abhängige“. Aus diesem Grund würde sie erst gar nicht „an einen Alkoholiker geraten“. Das heißt: Es sind die eigenen seelischen Strukturen, die maßgeblich dazu beitragen, ob sich jemand in einer glücklichen oder in einer unglücklichen Beziehung wiederfindet.


Lesen Sie im nächsten Teil unserer Serie ‚Beziehungssucht‘:

„Selbstvorwürfe: Bin ich selber schuld an einer unglücklichen Beziehung?“

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