Beziehungssucht: Bin ich schuld?

Die oft gestellte Frage in Beziehungen, die Schuldfrage: Bin ich es, der an einer unglücklichen, süchtigen Beziehungen schuld ist?

bild-159.jpgDr. Barbara Kiesling: Das ist eine sehr bedeutsame Frage. Die meisten Menschen in unglücklichen Beziehungen fragen sofort: Wer ist schuld? Schließlich möchte niemand selbst schuld sein. Wer sich selbst die Schuld gibt, muss quälende Schuldgefühle aushalten. Um das zu vermeiden wird versucht, die alleinige Schuld auf den anderen zu schieben. Das schafft Entlastung.

Doch wenn wir uns mit dem Wesen der Schuld beschäftigen, werden wir zu völlig anderen Erkenntnissen kommen.Nehmen wir das Beispiel des „Alkoholiker-Paares“: Ist er schuld daran, ein Alkoholiker zu sein? Und ist sie schuld daran, dass sie eine Co-Alkoholikerin ist?

Wie ich bereits betonte, sind es die psychischen Strukturen, die diese Menschen zu ihrem Handeln prädestinieren: Ihr mangelndes Selbstwertgefühl, ihre eingeschränkte Liebesfähigkeit und die damit einhergehenden ausgeprägten Konflikte. Die psychische Belastung ist in diesen Fällen oft so groß, dass die Betroffenen unbedingt Entlastung brauchen. Manche suchen diese Entlastung in Suchtmitteln; andere suchen diese Entlastung bei einem Partner.Sie haben sich nicht freiwillig für die Beeinträchtigungen und der daraus hervorgehenden Qual entschieden, das heißt, zunächst einmal können sie nichts dafür, dass sie so geworden sind, wie sie sind.

Rolle der Eltern

Wie steht es nun aber mit der Frage nach der Schuld? Schließlich haben wir von klein auf gelernt, dass immer irgendjemand schuld sein muss.Also geben einige Menschen den Eltern die Schuld. Diese haben es schließlich versäumt, ihr Kind so zu lieben, wie es notwendig gewesen wäre. Dadurch ist es zu den deformierten Strukturen gekommen.Doch auch die Schuldzuweisung in Richtung der Eltern ist nicht konsequent zu Ende gedacht. Denn Eltern waren auch einst Kinder.Wenn diese von ihren Eltern nicht all das bekommen haben, was sie gebraucht haben, denn fehlt ihnen etwas. Das, was sie nicht haben, können sie auch nicht an ihre Kinder weitergeben. Woher sollten sie das später hernehmen?Also können Eltern ihren Kindern nur das geben, über das sie selbst verfügen.Insofern kann keinem Elternteil die Schuld dafür gegeben werden, wenn er seinem Kind nicht das gibt, was es eigentlich so dringend bräuchte.

Selbstverantwortung statt Schuldzuweisung

Die Konsequenz aus diesen Überlegungen ist, dass wir uns vom Thema Schuld in diesen Zusammenhängen völlig verabschieden sollten.Stattdessen könnte sich jeder sagen: „Der andere ist nicht schuld an meinem Unglücklichsein. Aber ich bin es auch nicht. Mein Unglücklichsein ist ein Hinweis darauf, dass etwas in mir Heilung sucht. Statt einen Schuldigen zu suchen, mache mich jetzt lieber auf die Suche nach Heilung.“ Das wäre Verantwortungsübernahme. Und wo Verantwortungsübernahme geschieht, ist jede Schuldzuweisung überflüssig.


Lesen Sie im nächsten Teil unserer Serie ‚Beziehungssucht‘:

“Warum stellen viele Menschen erst im relativ hohen Erwachsenenalter fest, dass etwas mit ihren Beziehungen nicht stimmt?“

Ein Gedanke zu „Beziehungssucht: Bin ich schuld?“

  1. Ein sehr treffender Artikel – besonders der Hinweis auf die Eltern. Es gibt sogar Hinweise darauf, dass sich Themen, die bei den Eltern unbewältigt sind, bei den Kindern potenzieren!
    Da wir wenige taugliche Vorbilder für erfüllte Beziehungen haben, sind neue Wege im Zusammenleben gefragt. Einer davon ist die „Gewaltfreie Kommunikation“ nach Rosenberg.

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