von
Jürgen Christ
Gesunde Menschen schütteln vielleicht mit dem Kopf – andere spielen Bindungsangst herunter. Mir hat bei meinen Recherchen ein betroffener Partner erzählt, dass er sie am liebsten umbringen würde. Das klingt sehr krass. Was ist das Gefährliche an Bindungsangst? Welches Risiko besteht bei einer Beziehung mit einem bindungsängstlichen Menschen?
Stefanie Stahl: Das Gefährliche ist die große Schwierigkeit der Betroffenen, sich auf eine Liebesbeziehung einzulassen. Sie tänzeln ständig zwischen Nähe und Distanz. Der Bindungsängstliche lässt den Partner in einem Moment nah an sich heran und im nächsten Moment stößt er ihn wieder weg. Dies ist für die betroffenen Partner zutiefst verunsichernd und kränkend. Da viele Bindungsängstliche ihr Problem nicht richtig erkennen, liefern sie verwirrende Erklärungen für ihr Verhalten ab. Das macht den Partner noch konfuser und unsicherer. Viele Partner neigen dann dazu, den Fehler bei sich zu suchen beziehungsweise kommt es auch nicht selten vor, dass der Bindungsängstliche dem Partner die Verantwortung für sein Problem zuschiebt, indem er seine ambivalenten Gefühle für den Partner auf dessen vermeintliche Schwächen zurückführt. Zum einen nagt das Verhalten der Bindungsängstlichen zutiefst am Selbstwertgefühl ihrer Partner, weil sie so viele Zurückweisungen hinnehmen müssen. Zum anderen können die Partner, weil sie das Verhalten des Bindungsängstlichen unbedingt verstehen wollen, zu tief in den Sog der Störung des Bindungsängstlichen abrutschen. Damit will ich sagen, dass sich bei manchen Bindungsängstlichen (nicht bei allen!) ein Abgrund an Gefühlskälte auftun kann, der zutiefst erschreckend ist.
Lesen Sie im nächsten Teil, der am Montag erscheint:
“Sind bindungsängstliche Menschen überhaupt fähig zu lieben?”
von
Jürgen Christ
Partnerschaftsratgeber beschäftigen sich in der Regel mit Konflikten und deren Bewältigung in einer bereits vorhandenen Beziehung. Stefanie Stahls Buch “Jein! Bindungsängste erkennen und bewältigen” setzt früher an: Ist ein Mensch überhaupt bindungsfähig, wie erkennt man Bindungsangst, was kann man dagegen tun – als Betroffener und als Partner? Mit anschaulichen Praxisbeispielen und einer leicht verständlichen Sprache – ohne Fachausdrücke – erklärt sie, woher die Bindungsangst kommt, die typischen Verhaltensmuster der “Jäger”, “Prinzessinnen” und “Maurer” und warum Bindungsangst eine wirklich ernstzunehmende Angst ist. Ein hilfreiches Buch für Betroffene und deren Partner – oder Ex-Partner. Preis: 14,95 Euro, erschienen im Verlag Ellert & Richter.
Was ist Ihre persönliche Motivation zum Buch “Jein” – was war der Anlass? Ich spüre nach dem lesen Ihres Buches viel Wut in Stefanie Stahl …
Stefanie Stahl: Als Psychologin ist das Thema Beziehung und Bindung ja zentral, insofern muss ich mir schon beruflich sehr viele Gedanken hierum machen. Die Wut, die Sie verspüren, mag an dem stellenweise konfrontativen Stil liegen. Diesen habe ich gewählt, um wachzurütteln, weil viele Bindungsphobiker ihr Problem nicht erkennen und den Partnern hierdurch viel Leid zufügen können. Bindungsängstliche können auch ziemlich rücksichtslos handeln und das kann einen in der Tat auch wütend machen.
Lesen Sie mehr im nächsten Teil, der am Freitag erscheint:
“Gefahren und Risiken für die Partner”
von
Jürgen Christ

Bindungsangst: Komm mir nahe, aber bleib mir fern.
Foto: Jetti Kuhlemann, pixelio.de
Menschen brauchen eine liebevolle, vertraute Beziehung. Welcher Mensch lebt schon gern allein? Wer liebt und geliebt wird, lebt gesünder und glücklicher, wie eine aktuelle Umfrage im Auftrag der Deutschen Post für den Deutschen Glücksatlas ergab. Demnach findet sich auf Platz zwei der Glücksbringer die Partnerschaft. Wer in einer festen Beziehung lebt oder verheiratet ist, fühlt sich glücklicher.
“Komm mir nahe, aber bleib mir fern”
Doch gibt es Menschen, die intensive Nähe in einer vertrauten, dauerhaften Beziehung nicht aushalten können. Sie reagieren nach anfänglicher Verliebtheit ängstlicher oder regelrecht panisch – für den Partner meist völlig unverständlich und unerwartet. Diese Menschen haben Bindungsangst – ein Problem mit Nähe und Distanz, obwohl sie sich innerlich eine feste Beziehung wünschen. Ihnen fehlt letztendlich die Bindung zu sich selbst.
Bei zu viel Nähe flüchten Sie sich beispielweise in Arbeit, halten Verabredungen nicht mehr ein, legen sich ungern fest und eiern rum, zetteln grundlos immer wieder Streit an, gehen häufig fremd oder verweigern Sexualität – oder wandern von einer Beziehung zur nächsten. Sie brechen ausgerechnet dann spontan ab, wenn es am schönsten für die Partner und die Beziehung wird. Die Gesichter der Bindungsangst sind vielfältig und mitunter erschreckend, wie sie die Psychotherapeutin und Buchautorin Stefanie Stahl in ihrem Buch “Jein! Bindungsängste erkennen und bewältigen” beschreibt.
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von
Jürgen Christ

Bindungsangst führt zu anstrengenden Beziehungen.
Bild: Gerd Altmann, pixelio.de
Bindungsangst – ein zentrales Thema, das Menschen bewegt, ja, sogar so stark bewegt, eine mehrjährige Psychotherapie zu machen. Sie fühlen sich unglücklich, weil ihre “Häuser, die sie bauen, alle der Reihe nach einstürzen”. Keine Beziehung funktioniert, sie bleiben alleine und einsam, oder stürzen sich von einer Beziehung in die nächste. Sie suchen nach Erklärungen, machen die “Ex” verantwortlich oder leben in Doppelbeziehungen, können sich nicht entscheiden für Treue und vor allem für Nähe. Sie haben Angst vor zu viel Nähe.
Nach unserer letzten Serie über Beziehungsabhängigkeit starten wir mit nun einer neuen Wochenserie zum Thema Bindungsangst in den Herbst.
Die Serie ist vor allem den aktuellen oder ehemaligen Partnern von bindungsängstlichen Menschen gewidmet, aber auch als Anregung für Bindungsängstliche selbst gedacht.
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von
Jürgen Christ

Foto: Wilhelmine Wulff, pixelio.de
In meinen letzten Morgengedanken zum Thema “Trennung” schrieb ich über den stillen Abschied vom Ex-Partner und schlug vor, sich bei ihm zu bedanken. Sicherlich funktioniert das nicht in allen Fällen und braucht seine Zeit. Gerade Paare, die sich im Streit getrennt haben oder bei denen Verletzungen aus der Beziehung sehr tief sitzen, sollten sich eher davor hüten, dem oder der Ex dafür auch noch zu danken. Trennungsaggressionen sind in dem Falle eine natürliche und gesunde Reaktion – ohne jedoch körperliche Gewalt auszuüben. Nur wer hassen kann, ist später auch in der Lage, zu verzeihen, schrieb der Psychotherapeut Heinz-Peter Röhr in einem seiner Bücher. Ebenso rät die Psychotherapeutin Stefanie Stahl in ihrem Buch “Jein!” den Ex-Partnern von Bindungsängstlichen zu Trennungsaggressionen, um die – zumeist sehr leidvolle – Beziehung zu überwinden.
Drei simple Tipps für gesunde Trennungsaggressionen aus schmerzhaften Beziehungen…
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von
Jürgen Christ

Foto: Thorben Wengert, pixelio.de
Sich von einem geliebten Partner zu trennen, ist schwer. Manche Menschen leiden sehr darunter. Oft gibt es auch keine Gelegenheit, sich wirklich in Ruhe und Friede zu verabschieden. Zu schwer wiegen die ausgesprochenen oder geschriebenen Worte und die damit verbundenen Schmerzen. Vor allem dann, wenn der andere Mensch noch lebt – und schweigt – und wir das Gespräch suchen. Zu stark verbleibt da noch die Hoffnung, es “könnte ja doch noch gehen”. Obwohl es schon lange nicht mehr ging, zu viele Scherben entstanden waren, die wir nicht mehr sehen wollten.
Wenn ich schreibe “Danke sagen!”, meine ich es nicht wortwörtlich, im Sinne von “sagen, aussprechen”. Ich denke eher an beispielsweise die Tipps der amerikanischen Psychologin Dr. Susan Forward, die in ihrem Buch “Die dunkle Seite der Liebe” empfiehlt, Briefe an den oder die Ex zu schreiben, sie aber nicht abzusenden, sondern in einer Art Ritual zu verbrennen oder sie mit einem Stück Holz zu verbinden und auf einen Fluss zu legen.
In meinem Bekanntenkreis gibt es derzeit zahlreiche Trennungen und mein Telefon läutet wieder mal häufiger. Nur bin ich wieder weder Therapeut, noch Helfer. Aber ich fand heute eine kleine Weisheit von Paul Coelho auf meiner Festplatte wieder, die mir in ähnlichen Zeiten mal geholfen hat und die ich gerne mit Euch teilen möchte.
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von
Jürgen Christ
Treue
Die meisten Menschen halten die Treue eines Partners für eine der wichtigsten Eigenschaften. Dabei ist Treue nicht so sehr eine Eigenschaft an sich, sondern treues Verhalten ist vielmehr an die Beziehung gebunden. Sie ist ein Indiz dafür, dass die Beziehung intakt ist. Denn abgesehen von den „notorischen Fremdgängern“, die mit ihren Aktionen versuchen, eine versäumte Ablösung vom Elternteil nachzuholen, sind viele Menschen durchaus treu, solange es in der Beziehung keine bedeutenden Störfelder gibt.
Das heißt, solange zwischen zwei Partnern Eintracht und Harmonie herrscht, sind sie sich in der Regel auch treu. Sie haben – bildlich gesehen – so etwas wie einen imaginären Zaun um sich herum. Ihre Beziehung ist nach außen durch eine durchlässige, aber dennoch sichere Grenzziehung relativ abgeschottet.

Illustration von Barbara Kiesling
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