Bindungsängstliche Menschen: Beruflich erfolglos?

Warum sind bindungsängstliche Menschen erfolglos und lieblos, auch in ihrem Berufsleben?

Stefanie StahlStefanie Stahl: Bindungsängstliche sind nicht zwangsläufig beruflich erfolglos. Im Gegenteil, manche von ihnen sind sogar sehr erfolgreich, weil sie sich in ihrer Karriere nicht von persönlichen Bindungen und Familie aufhalten lassen. Andere hingegen sind tatsächlich aufgrund ihres Problems auch beruflich wenig erfolgreich, weil ihr Widerwillen sich festzulegen und Erwartungen anzupassen, sie dazu verleitet, auch in beruflichen Beziehungen immer wieder auszubrechen beziehungsweise abzubrechen.

Mit der Freundschaft verhält es sich ähnlich: Bei manchen Bindungsängstlichen wird ihr Problem nur in Liebesbeziehungen virulent und sie können gute und verbindliche Freunde sein. Andere tun sich hingegen auch in Freundschaften schwer, sich verbindlich zu verhalten und gewisse Erwartungen, die auch in Freundschaften nicht ausbleiben können, zu erfüllen. Wie gesagt, sind Bindungsängstliche beständig um ihre persönliche Autonomie und Freiheit besorgt. Diese Ich-Angst kann ihnen auch Freundschaften erschweren. Der Mechanismus – beruflich und freundschaftlich – ist stets der Gleiche: Du willst, dass ich die Vase links hinstelle, also stelle ich sie nach rechts!


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Die Bindungsangst und das Selbstwertgefühl

Können Bindungsängstliche wieder eine Beziehung eingehen?

Wenn ein bindungsängstlicher Mensch seine Bindungsangst erkannt und auch akzeptiert hat: Darf er oder sie nie wieder eine Beziehung eingehen?

Stefanie StahlStefanie Stahl: Das wäre ja eine unsinnige Forderung. Wichtig ist, sein Problem zu reflektieren. Wenn ich schon erkannt habe, dass ich unter Bindungsangst leide und verstehe, wie sich dies auf mein Verhalten auswirkt, dann bin ich ja schon einen großen Schritt weiter. Viele Betroffene gehen dann zum Beispiel die nächste Beziehung sehr viel offener an, indem sie die Karten von Anfang an auf den Tisch legen und ihrem – zukünftigen – Partner ihr Problem mitteilen. Hierdurch entsteht Transparenz und der Partner weiß schon mal, worauf er sich einlässt. Gleichwohl ist die Erkenntnis des Problems noch nicht dessen ganze Heilung. Folglich bemühen sich viele Bindungsängstliche, wenn sie ihrem Problem auf die Schliche gekommen sind, um Veränderung. Ich bekomme ständig Anfragen für Psychotherapie beziehungsweise Anfragen, ob ich Psychotherapeuten in der Nähe des Wohnortes empfehlen kann. Allerdings kann es auch, zumindest vorübergehend, eine vernünftige Lösung sein, sich von Liebesbeziehungen fernzuhalten, wenn man genau weiß, dass man ohnehin wieder davonlaufen beziehungsweise den Partner verletzen wird.


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Warum sind Bindungsängstliche in ihrem Leben erfolglos und lieblos?

Bindungsangst: Was ist passive Aggressivität?

Aktive Aggressionen sind bekannt, beispielsweise in Form von körperlicher Gewalt. Aber passive Aggressionen als Ausdruck von Bindungsangst? Ein Kommunikationsexperte sprach einmal von Mord z.B. bei Schweigen … Was ist passive Aggressivität?

Stefanie StahlStefanie Stahl: Psychologisch kann man zwischen aktiven und passiven Aggressionen unterscheiden. Unter aktiven Aggressionen verstehen wir solche, die auch für Außenstehende klar als Aggression zu erkennen sind: Sei es durch verbale Angriffe, Beleidigungen, Streit oder auch körperliche Gewalt. Die passive Aggression zeigt sich hingegen nicht offen, sondern versteckt. Das Wort „mauern“ bezeichnet gut das Wesen der passiven Aggression. Nicht-reagieren, Zuspätkommen, Trödeln, Vergesslichkeit, Schweigen, sexuelle Verweigerung sind typische Verhaltensweisen, mit denen passive Aggression ausgelebt werden. Eine weitere Methode, um passive Aggression zu leben, die Bindungsängstliche gern verwenden, ist die Flucht. Flucht in die Arbeit, Flucht in Hobbys, Flucht in sexuelle Abenteuer usw. Bei der passiven Aggression geht es darum, dem Gegenüber etwas zu verweigern, ohne für dieses „Nein“ eine klare Verantwortung zu übernehmen. Der passiv-Aggressive zeigt dem Konfliktpartner seine Verweigerung, seine Wut nicht, sondern er lässt ihn auflaufen beziehungsweise am gestreckten Arm verhungern. Dies bringt das Opfer in eine hilflose Position, die es sehr wütend machen kann. Das Opfer empfindet dann jene Wut, die der passiv-Aggressive in sich trägt.


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Können Bindungsängstliche sich jemals wieder auf eine enge Beziehung einlassen?

Beziehungsängstliche und Beziehungsängstliche

Passen dann Bindungsängstliche nicht gleich besser zu Bindungsängstlichen? Sollen sie doch lieber untereinander, statt….

Stefanie StahlStefanie Stahl: Es ist nicht immer so, dass Partner von Bindungsängstlichen selbst zwangsläufig Bindungsängste aufweisen. Das kann so sein, muss aber nicht so sein. Wenn ein Bindungsängstlicher sich jedoch seinesgleichen aussucht, dann spürt er, manchmal auch nur unbewusst, dass der potenzielle Partner ihn nicht zu sehr einengen wird. Hinzu kommt, dass viele Bindungsängstliche Partner interessant finden, die ihnen nicht ganz sicher sind, die sie also erobern müssen. Diejenigen hingegen, die an ihnen interessiert sind, finden sie nicht so interessant, weil die Jagd da quasi schon beendet ist, bevor sie überhaupt angefangen hat. Das hat etwas mit dem Selbstwertgefühl zu tun, das letztlich auch das Epizentrum von Bindungsängsten ist. Die Eroberung eines „schwierigen“, weil anfänglich resistenten, Partners stellt eine größere narzisstische Befriedigung dar als jemanden zu „erhören“, der einem sowieso schon zu Füßen liegt. Der Kitzel der Jagd ist ein wesentlicher Aspekt, der hier eine Rolle spielen kann und auf den ich mich hier als Hinweis beschränken möchte, weil die wechselseitige Dynamik von Partnerwahlen sehr komplex ist und somit den Rahmen eines Interviews sprengen würde.


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Was ist die so genannte ‚passive Aggressivität‘ bei Bindungsängstlichen?

Bindungsangst: Wenn beide Partner Bindungsstörungen haben

Was passiert, wenn beide Partner Bindungsstörungen haben, z.b. bindungsängstlich und beziehungsabhängig sind, oder eine narzisstische Persönlichkeitsstörung und ein abhängiges Beziehungsmuster an den Tag legen?

Stefanie StahlStefanie Stahl: In diesem Fall verschärft sich die Partnerschaftsdynamik noch. Es ist ja so, dass auch „normale“ Partner durch den Nähe-Distanz-Modus des Bindungsängstlichen leicht in einen Sog geraten, immer mehr um die Beziehung zu kämpfen und sich hierdurch ziemlich abhängig von ihrer bindungsängstlichen Zielperson fühlen. Das notorische „Jein!“, das Bindungsängstliche in Bezug auf die Beziehung signalisieren beziehungsweise formulieren, führt bei vielen Partnern zu einem emotionalen Kontrollverlust, das heißt, sie fühlen sich hilflos, auf das Verhalten ihres bindungsängstlichen Partners einen Einfluss nehmen zu können. Sie versuchen dann die Kontrolle über den Bindungsphobiker zu erlangen, indem sie sich immer mehr bemühen, das Jein ihres Partners in ein Ja zu verwandeln. Hierdurch gerät die Beziehung aus der Balance: Der Partner unternimmt alle möglichen Manöver, um den Bindungsängstlichen an sich zu binden und je mehr er dies tut, umso weiter läuft der Bindungsängstliche davon, weil er sich nicht festnageln lassen will. Wenn der Partner nun aber ohnehin eher abhängige Strukturen aufweist, dann verschärft sich diese Dynamik noch beziehungsweise fällt es den abhängigen Partnern besonders schwer, sich aus der Beziehung zu lösen.


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Passen Bindungsängstliche besser zu Bindungsängstlichen?

Bindungsangst: Sexsucht

Welche Rolle spielt der Sex? Kann man sexuell abhängig von Bindungsängstlichen – wie von Beziehungsabhängigen – werden?

Stefanie StahlStefanie Stahl: Sex mit Bindungsphobikern hat etwas Unwiderstehliches, weil der bindungsängstliche Partner einem nie sicher ist. Die Partner von Bindungsängstlichen leben zumeist in chronischer Verlustangst. Dies befeuert die Leidenschaft ungeheuer. Die Beziehung mit Bindungsängstlichen bleibt zumeist in der Anfangsphase stecken, wobei sich diese Anfangsphase auch über viele Jahre hinziehen kann. Dies liegt daran, dass der Bindungsängstliche sich nie wirklich auf die Beziehung einlässt und sich hierdurch beim Partner nie ein Gefühl der Sicherheit einstellt.

Bekanntermaßen sind Sicherheit und Leidenschaft ja Gegenspieler, weswegen viele Paare, die in langjährigen und verbindlichen Beziehungen leben, ja häufig einen Mangel an Leidenschaft beklagen. In bindungsängstlichen Beziehungen werden die Partner ständig angefüttert, aber nie satt. Das ist so, wie wenn im Restaurant immer nur die Vorspeise serviert würde und der Hauptgang ausbleibt. Das löst ein ungeheures Verlangen nach Mehr aus, das geradezu süchtig machen kann.


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Was passiert, wenn beide Partner Bindungsstörungen aufweisen, beispielsweise der eine beziehungsabhängig und der andere bindungsängstlich ist?

Bindungsängstliche Menschen: Fähig zu lieben?

Können bindungsängstliche Menschen lieben und Leidenschaft empfinden? Verantwortung für eine Partnerschaft und sich selbst übernehmen?

Stefanie StahlStefanie Stahl: Was die Gefühle der Verliebtheit und Leidenschaft betrifft, schon. Schwierig wird es, wenn es um eine tiefe Liebe geht, deren Hauptzutat Verantwortung für den Partner ist. Bindungsängstliche scheuen sich Verantwortung für ihren Partner zu übernehmen. Ihre persönliche Autonomie und Freiheit sind ihnen ungeheuer wichtig – wichtiger als Verbindlichkeit. Bindungsängstliche haben Angst vom Partner vereinnahmt – auf einer tiefen, unbewussten Ebene – geradezu verschlungen zu werden. Deswegen müssen sie ständig ihre Grenzen abstecken und sich abschotten. Von dieser Angst um ihr Ich getrieben, können sie radikal kompromisslos handeln. Das ist übrigens auch die Seite an ihnen, die einen so wütend machen kann, wie Sie es bereits in Ihrer ersten Frage feststellten. Man könnte Bindungsängstliche auch als „Erwartungsphobiker“ bezeichnen. Erwartungen ihres Partners lösen in ihnen reflexartigen Widerstand aus. Das macht das Zusammensein mit ihnen so ungeheuer schwierig. Eine verbindliche und tragfähige Beziehung kommt jedoch nicht ohne Erwartungen und ohne Verantwortung aus und in diesem Sinne sind Bindungsängstliche auf einer tiefen Ebene nicht liebesfähig.


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Kann man sexuell abhängig von Bindungsängstlichen werden?